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"Fleisch ist mein Gemüse": Souvlaki und sexueller Notstand

(c) Einhorn
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Heinz Strunks meisterliches Buch „Fleisch ist mein Gemüse“, akzeptabel verfilmt. Läuft schon.

„Eine Landjugend mit Musik“ heißt der Untertitel von Heinz Strunks autobiografischem Roman „Fleisch ist kein Gemüse“ (2004) lapidar, und darum geht es auch, auch wenn das Buch großteils in Harburg spielt, einem touristisch unerschlossenen Teil von Hamburg, dem Strunk bescheinigt: „Harburg ist der langweiligste Ort der Welt, aber das ist ja auch schon wieder Quatsch, denn die Kasseler oder die Ulmer beanspruchen das zu Recht auch für ihre Städte.“

Aufzeichnungen aus Orten also, an denen man nicht begraben sein möchte, aus einer Jugend, die nicht nach „Glory Days“ klingt, auch nicht nach „(I Can't Get No) Satisfaction“, sondern nach „Prosit der Gemütlichkeit“, „Paloma Blanca“ und „Country Roads“. Wenn's halbwegs gut geht. Dazu Souvlaki, Akne und sexueller Notstand.

Strunk, heute Komödiant im besten, tragischsten Sinn, u.a. in Kooperation mit Stermann/Grissemann, spielte jahrelang in einer Tanzkapelle das Saxofon, auf Schützenfesten, Hochzeiten, namenlosen Dorffesten usw., und genau darüber schrieb er auch, wahrheitsgemäß, wie man so schön sagt. Das Ergebnis ist wie Rocko Schamonis „Dorfpunks“ und Sven Regeners „Herr Lehmann“ ein Meisterstück neuer deutscher Pop-Literatur, so glamourös wie möglich (also fast gar nicht), so trostlos wie nötig (also ziemlich). Lustig sowieso.

Dass der Film da nicht ganz mit kann, wie man in Norddeutschland sagt, ist nicht die Schuld von Regisseur Christian Görlitz, sondern seines Mediums. Die quasi beiseite gesprochenen Ad-hoc-Kommentare Strunks („Emotional verroht, die dumme Kuh“, „Und ohne Eier ins Bett“, etc.) lassen sich genauso schlecht verfilmen wie eine für alle Seiten peinliche Sexszene; ein (gut) erzählter verdorbener Tintenfisch trifft den Magen ärger als ein inszenierter; Kino-Akne sieht immer geschminkt aus. Die hilflosen, an Sprachlosigkeit erstickenden Dialoge von Bandleader „Gurki“ muss man lesen, nicht hören. Und die winzige, manisch-depressive, verlorene Mutter (Susanne Lothar) mag einfühlsam gespielt sein, aber was ist das gegen finale Sätze wie: „Doch da kam tatsächlich nichts mehr, nicht einmal etwas Kleines, Gutes, das sie wenigstens symbolisch mit ihrem elenden Dasein versöhnt hätte. Alles war umsonst gewesen.“

Die Szenen auf dem Schiff – wo Strunk eine pfiffig dazugedichtete Sängerin kennen lernt – sind pittoresk bis schön, das norddeutsche Flachland spielt eine feine Nebenrolle mit Nebel. Und dankenswerterweise wird es kaum je kabarettistisch. Den Hirsch vom Buchcover mit dem neben ihm hängenden Autor sprechen zu lassen, ist allerdings ein sehr schlechter Running Gag. Und der Schluss – Strunk landet endlich einen Hit, eine Art Neue-Deutsche-Welle-Schlager namens „Gestern ist vorbei“, alle tanzen und lachen – gelingt nicht. Trotz Ironisierung. Nein: deshalb. „Ich kenne das Leben / ich bin im Kino gewesen“, sangen einst die Fehlfarben. Stimmt nur bedingt: Das Leben schreibt keine ironisch überhöhten Schlussszenen. Danke, Leben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2008)