Betrachtungen in der Zeit des Interregnums: Was ist im kollektiven Gedächtnis aus den letzten Bundeskanzlern geworden?
Er ist selbst eine Legende und strickt kraft seines Berufes schon seit fünfzig Jahren an den Legenden über andere: der Architekt und Karikaturist Gustav Peichl. Als dieser Tage in der Nationalbibliothek sein neuestes Buch vorgestellt wurde, meinte er so nebenbei, er beginne Alfred Gusenbauer schon zu vermissen. Ob nur als lohnendes Objekt der Karikatur oder als politische Erscheinung, blieb offen. Es muss sich aber um Letzteres handeln, denn Objekte der Karikatur wachsen immer wieder nach. „Ironimus“ ist kein Einzelfall unter den österreichischen Intellektuellen, wobei man zögert, überhaupt jemanden aus der Szene, die sich in diesem Land öffentlich politisch äußert, einen Intellektuellen zu nennen.
Die Gusenbauer-Nostalgie geht jedenfalls schon um und Nostalgien verklären sich leicht zu Legenden. Bei Gusenbauer heißt die Legende, die ÖVP habe ihm seinen Erfolg geneidet, sie habe die Niederlage bei der Wahl 2006 nie verwinden können und ihn deshalb am Regieren gehindert. Das ist nun wirklich eine Legende oder eher noch ein Märchen. Gusenbauer ist nicht am Koalitionspartner gescheitert, sondern an seinem eigenen Unwillen und an seiner Unlust, die Politik ernsthaft zu betreiben und nicht nur als eine Art Lifestyle zu verstehen. Zuletzt demontierte ihn seine eigene Partei in einem demütigenden Kesseltreiben. Aber der Lebenslustige scheint sich wenig daraus zu machen und genießt als längst entmachteter Kanzler nun nur noch die ganz angenehmen Seiten des Amtes.
Um Franz Vranitzky, den „Nadelstreif-Sozialisten“ und Bundeskanzler von 1986 bis 1997, ranken sich keine Legenden. Zu spröde, zu distanziert erschien er. Wenn er einem die Hand gab, hatte man das Gefühl, er wolle einen von sich wegschieben. Geliebt wird so jemand nicht, aber respektiert. Die Aura eines „Bankers“ wirkte auch in seiner eigenen Partei, die zugleich aber sicher sein konnte, dass sich hinter der eleganten Kleidung ein echter und nicht nur ein Salon-Sozialist verbarg. Vranitzky genoss den Ruf der Sachkunde, er war aber kein eigentlicher „Macher“, dazu dürfte ihn die Politik auch zu wenig interessiert haben.
Gerade Vranitzky würde es verdienen, Gegenstand einer Legende zu werden, die ihm versagt geblieben ist. Unter ihm begann die Privatisierung und damit Sanierung der Verstaatlichten, vor allem aber gebührt ihm das große Verdienst, seine Partei und die widerstrebenden Gewerkschaften dazu gebracht zu haben, den Beitritt zur EU zu akzeptieren. Europa verlieh ihm dafür den bedeutenden Karls-Preis, in Österreich bekam man dafür keinen Preis und bekäme ihn heute schon gar nicht. Wie tief der Komplex gegen Europa in der SPÖ immer noch sitzt, erlebt man gerade in diesen Tagen. Dass Werner Faymann auf den Anti-EU-Zug der „Kronen Zeitung“ aufgesprungen ist, ist nicht nur blanker Opportunismus und Anbiederung, Faymann entspricht damit auch einer Tiefenströmung in seiner Partei. Vranitzky hat sich in einem ersten Reflex kritisch dagegen zu Wort gemeldet, sich aber nun wieder in die Parteilinie eingeordnet.
Sinowatz: Nachruhm durch Karikaturen
Der kürzlich verstorbene Fred Sinowatz verdankt seinen Nachruhm auch Gustav Peichl. Kaum eine Karikatur von ihm, auf der er nicht mit einem Glas Wein in der Hand erschien. Dazu kommt jener Ausspruch, der ihn überdauert hat, dass in der Politik „alles so kompliziert“ sei. Er wird ihm als sympathische Einsicht in seine eigene Begrenztheit ausgelegt. Jener gemütliche Burgenländer, für den er gehalten wird, war Sinowatz allerdings überhaupt nicht, vielmehr war er ein doktrinärer Sozialist, der dem Interesse der Partei alles unterzuordnen bereit war. In seinem Kabinett wurde die Kampagne gegen Kurt Waldheim ausgeheckt, von dem er im vertrauten Kreis angekündigt hatte, man werde ihm „eine braune Vergangenheit umhängen“. Sinowatz trat nach dem Wahlsieg Waldheims konsequenterweise zurück. Als ihn Jahre später ein steirischer Journalist (Chefredakteure und Ex-Kanzler fuhren damals noch mit der Eisenbahn) im Bahnhofsbuffet des Südbahnhofs beim Warten auf den Zug nach Neufeld traf und ihn mit „Herr Bundeskanzler“ anredete, war Sinowatz gerührt und dankbar, dass ihn noch jemand kannte und grüßte.
Es gibt Bundeskanzler – und Kanzler
Die größte Legende der Zweiten Republik ist Bruno Kreisky, Kanzler von 1970 bis 1983. Es gibt eine ganz feine Unterscheidung in der österreichischen politischen Semantik: nämlich die zwischen Bundeskanzler und Kanzler. Bundeskanzler ist der bloße Amtsinhaber, Kanzler ist einer, der einem im Amt schon so vertraut ist, dass man sich einen anderen darin nicht vorstellen kann. Kreisky war so ein Kanzler. Es waren ausgerechnet bürgerliche Journalisten, die diese Legende begründen halfen. „Sonnenkönig“, nannten sie ihn, und „Journalistenkanzler“. Von Ökonomie und Sozialem verstanden sie genauso wenig wie Kreisky, und sie hielten sich – wie dieser – darauf sogar noch etwas zugute.
Kreisky gelang es, den Mythos des Staatsvertrags und vor allem der Neutralität für sich in Anspruch zu nehmen und beide als sozialistische Errungenschaften auszugeben. Er konnte vergessen machen, dass er selbst und der SPÖ-Teil der Delegation bei den Verhandlungen im April 1955 in Moskau gegen die Neutralität gewesen waren. Von Ludwig Steiner, dem letzten noch lebenden Zeugen der Verhandlungen, kennen wir die dramatische Episode, die sich heute wie eine Anekdote ausnimmt: Wie Vizekanzler Adolf Schärf (SPÖ)am Vorabend der Verhandlungen in der österreichischen Botschaft in Moskau zu Bundeskanzler Julius Raab von der ÖVP sagte: „Wenn morgen das Wort Neutralität fällt, stehen wir vom Tisch auf und fliegen nach Wien zurück.“ Raab sagte das Wort bekanntlich trotzdem.
Die strukturelle Modernisierung Österreichs, die heute mit dem Namen Kreisky verbunden wird, hatte aber schon unter seinem Vorgänger, Josef Klaus und dessen Finanzminister Stephan Koren begonnen. Koren hinterließ vor allem auch solide Finanzen. Sie reichten aber nicht aus, um jenen am skandinavischen Vorbild orientierten Wohlfahrtsstaat zu finanzieren, den Kreisky im Auge hatte. Am Beginn der Ära Kreisky betrugen die Staatsschulden 45 Milliarden Schilling, am Ende kostete allein der Schuldendienst pro Jahr so viel.
Zu Viktor Klima fällt einem wenig ein, jedenfalls keine Legende. Im Rückblick erweist sich dessen dreijährige Kanzlerschaft als Vorspiel, wenn nicht überhaupt schon als Teil der folgenden Kanzlerschaft Wolfgang Schüssels. Der Vizekanzler und Außenminister bestimmte die Dinge, Klima nahm dankbar an, was Schüssel vorschlug und ihm beim Dienstag-Frühstück vor dem Ministerrat erklärte. Die Welt der Politik blieb Klima fremd, für die inneren Befindlichkeiten seiner SPÖ hat er zu wenig Gefühl, der Spagat zwischen Regierung und Partei zerriss ihn zuletzt. Darin ist sein Schicksal dem Alfred Gusenbauers ähnlich, nur hat er es nicht so frivol herbeigeführt wie dieser.
Der gesprächige „Schweigekanzler“
Bei niemandem sonst war die journalistische Legendenbildung so erfolgreich wie bei Wolfgang Schüssel. Nach dreißig Jahren sozialdemokratischer Bundeskanzler erschien vielen ein Kanzler von der ÖVP als undenkbar und irgendwie ungehörig. Die Sanktionen der EU-14 wurden ja nicht inszeniert, weil Schüssel eine Koalition mit der FPÖ geschlossen hatte, sondern weil er die SPÖ aus der Regierung gedrängt hatte. Wie er die Sanktionen bewältigte und sich europaweit Respekt verschaffte, brachte ihm zwar 2002 einen fulminanten Wahlsieg ein, aber zur Legende ließ ihn das nur in seiner eigenen Partei werden. Erfolgreicher waren die, die für diesen sehr gesprächigen Menschen das Wort vom „Schweigekanzler“ erfanden oder ihn „schmallippig“ nannten. Dass er dem Land fast sieben gute und überaus erfolgreiche Jahre brachte und jahrelang aufgeschobene Reformen unternahm, reicht in Österreich nicht für eine Legende.
Hans Winkler war langjähriger Leiter der Wiener Redaktion der „Kleinen Zeitung“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2008)