Lehman Brothers legte die größte Pleite in der Wirtschaftsgeschichte der USA hin. Trotz der weltweiten Schockwellen verwehrte der Staat finanzielle Hilfe. Auch österreichische Banken und ihre Kunden verlieren.
Wien/New York (dom./ag). Da waren es nur noch zwei: Von den fünf größten Investmentbanken der USA sind binnen weniger Monate drei vom Markt verschwunden, übrig geblieben sind nur noch Morgan Stanley und Goldman Sachs. Bereits im Frühjahr wurde Bear Stearns, Nummer fünf der Branche, aufgekauft. Die US-Notenbank half bei dieser Rettungsaktion mit einer Milliardenspritze. Am Wochenende übernahm die (private) Bank of America für 50 Milliarden US-Dollar das ebenfalls ins Trudeln geratene Traditionshaus Merrill Lynch.
Nun traf es die viertgrößte US-Investmentbank Lehman Brothers, die sich auf dem Immobilienmarkt schwer verspekuliert hatte. Sie musste am Montag Insolvenz anmelden, nachdem zunächst eine koreanische Großbank und am Wochenende auch die britische Bank Barclays sowie die Bank of America als Käufer abgesprungen waren. Lehman steht nun unter Gläubigerschutz: Nach den Regeln des US-Insolvenzrechts hat die Bank damit eine Galgenfrist, um sich mit Hilfe von Investoren wieder flottzumachen. Die Branche nimmt aber an, dass es wohl zu einer Zerschlagung der Bank kommen wird. Wie viel von den rund 600 Milliarden Dollar Schulden die Bank begleichen wird können, ist nicht abzuschätzen.
Lehman löst weltweites Beben aus
Mit einer Bilanzsumme von 639 Milliarden Dollar (454 Milliarden Euro) stellt die Lehman Brothers Holding alle großen US-Pleiten der vergangenen Jahre bei weitem in den Schatten. Der Telekomkonzern WorldCom, der 2002 insolvent wurde, brachte es „nur" auf 104 Milliarden Dollar. Die Lehman-Pleite schickte am Montag weltweit die Aktienmärkte auf Talfahrt.
Um die Märkte zu beruhigen, hält allein die Europäische Zentralbank 30 Milliarden Euro bereit - um die Banken im Falle nervöser Kunden, die ihre Einlagen abziehen wollen, flüssig zu halten. Im Zuge der Lehman-Pleite ersucht nun auch der weltweit größte Versicherungskonzern um Staatshilfe: Die American International Group (AIG) braucht mindestens 40 Milliarden Dollar, um überleben zu können.
Aufgrund der Schockwellen, die Lehman ausgelöst hat, stellt sich vor allem eine Frage: Warum hat es ausgerechnet für Lehman keine Rettung gegeben?
Die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac, die für rund die Hälfte der Immobilienfinanzierung in den USA stehen und über staatliche Garantien verfügten, mussten gerettet werden. Bei einer Pleite wären die Auswirkungen auf die US-Hausbesitzer dramatisch gewesen. Außerdem hätte die US-Regierung für die Anleihen von Fannie und Freddie, die Investoren weltweit in ihren Büchern haben, ohnehin geradestehen müssen.
sEine Investmentbank wie Lehman bankrott gehen zu lassen, ist politisch weniger riskant. Außerdem wollten US-Finanzminister Henry Paulson und Fed-Chef Ben Bernanke signalisieren, dass man nicht jedes marode Institut auffangen könne. Hinzu kommt, dass Notenbank und Regierung mit ihren bisherigen Rettungsaktionen bereits an ihre finanziellen Grenzen gestoßen sind.
Richtiges Signal - mit Schockwirkung
Marktwirtschaftlich ist die Vorgehensweise vielleicht ein richtiges Signal - aber gleichzeitig ein riesiger Schock für die internationale Finanzwelt. Praktisch alle Großbanken weltweit sind in der einen oder anderen Form Gläubiger der nun insolventen US- Investmentbank. „Das reißt schmerzhafte Löcher in die Bilanzen", hieß es am Montag auch bei einer österreichischen Großbank. Und während die Finanzkrise bisher bei vielen Banken nur Buchverluste verursachte, macht die Lehman-Pleite endgültige Abschreibungen notwendig.
Ein Dominoeffekt auf weitere Geldinstitute ist nicht auszuschließen. Vor allem US-Banken haben teilweise auf eigenes Risiko, teilweise für ihre Kunden hohe Forderungen gegenüber Lehman in ihren Büchern stehen. Für einige kleinere US-Banken dürfte es eng werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2008)