Nach dem Kollaps
Der neue 'König der Wall Street'
Den 61-jährigen Banker aus der Provinz von North Carolina kannten bisher nur Eingeweihte. Nach dem jüngsten Erdbeben in der Finanzbranche kennt ihn zumindest an der Wall Street jeder - Kenneth Lewis, seines Zeichens Chef der Bank of America, seit dieser Woche Herr über Merrill Lynch, darf sich nun "King of the Wall Street" nennen.
Lewis ist der große Coup gelungen: Der 61-Jährige hat 75 Prozent an dem weltweit operierenden Maklerunternehmen Merrill Lynch & Co. gekauft.
Damit ist der Südstaatler nun Herr im Haus der "donnernden Herde" und steht zugleich vor der Verwirklichung seines Lebensziels.
Gemeinsam mit Merrill Lynch steigt die Bank of America zur Nummer Eins der Finanzwelt auf. "Wir brauchen jetzt nichts mehr", verriet Kenneth Lewis einer Fernsehjournalistin am Montag. Wer ist Lewis? Und lassen sich aus seiner Geschichte seine künftigen Pläne ablesen? Hier ein kurzer Überblick.
Lewis' Bank of America ist die zweitwichtigste Bankadresse der USA. Ihr Sitz liegt weit weg von New York - und weist bereits königliche Verbindungen auf. Das veschlafene Nest Charlotte in North Carolina ist nach Charlotte von Mecklenburg-Strelitz benannt, der deutschen Gemahlin des englischen Königs Georges III. Seit dieser Woche ist Charlotte der Hauptsitz des größten Finanzdienstleisters der Welt.
Das ist der Übernahme von Merrill Lynch zu verdanken. Lewis gelang dieser "Staatsstreich" dank des Zusammenbruchs der Investmentbank Lehman Brothers.
Da auch andere Handelsbanken in den Strudel der Hypothekenkrise gerieten und steile Kursverluste erlitten, klopfte Merrill-Lynch-Chef John Thain am Samstag bei Lewis an.
Merrill Lynch gehört mit Abschreibungen von rund 40 Mrd. Dollar (28,3 Mrd. Euro) zu den größten Verlierern der Hypothekenkrise. Aus Furcht vor den unabsehbaren Folgen der Finanzkrise verkaufte Thain nach stundenlangen Verhandlungen 75 Prozent seines Unternehmen an Lewis. Der Kaufpreis: 50 Milliarden Dollar in Aktien.
Während sich Lewis am Montag feiern ließ, stürzte der Dow Jones um 4,4 Prozent ab. Es war der steilste Tagesverlust seit den Terroranschlägen auf New York und Washington am 11. September 2001. Dies war auch das Jahr, in dem Lewis bei der Bank of America den Vorstandschefposten übernommen hat. Der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Lewis begann seine Karriere in seiner Heimat, North Carolina.
Er startete 1969 in Charlotte als Kreditanalyst bei der North Carolina National Bank (NCNB), die Vorgängerin der Nations Bank und sowie der Bank of America. Danach bekleidete er leitende Stellungen im Corporate-Banking-Bereich und übersiedelte 1977 als Leiter von der NCNB-Auslandsabteilung nach New York.
1983 berief die Bank Lewis zum Bereichsleiter für mittelständische Unternehmen, wo er für den Südosten der USA zuständig war. In den 80er Jahren übernahm er als Präsident den Bereich Verbraucher-Banking und in den 90er Jahren leitete er bis zu seiner Berufung zum CEO der Bank of America das operative Geschäft der NCNB.
(c) Reuters (Bobby Yip)
Geboren am 2. April 1947 in Meridien im Staat Mississippi stammt Lewis aus bescheidenen Verhältnissen. Seine Mutter war eine allein stehende Krankenschwester. Der Vater verließ das Elternhaus, als Lewis noch ein Kind war. Nach der High School studierte Lewis an der Georgia State University und an der Stanford University in Kalifornien. 2007 zählte ihn das US-Magazin "Time" zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt.
Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" profilierte Lewis als einen Banker, der aufgrund unterschiedlicher Unternehmenskulturen eine Abneigung gegen die Wall-Street-Firmen empfindet, die vom Ehrgeiz wie besessen scheinen und jetzt in Schwierigkeiten stecken.
Bei gesellschaftlichen Veranstaltungen taucht der bescheiden wirkende Lewis selten auf. "Er meidet die "Power-Szene" und verbringt seine Freizeit meist in seinem Ferienhaus in den Blue Ridge Mountains", heißt es in dem Forbes-Porträt. Wenn Lewis nicht gerade Ferien macht, geht er offenbar gerne einkaufen: Merrill Lynch ist nicht die erste Übernahme. Zuvor hat sich Lewis bereits den angeschlagenen Hypothekenfinanzierer Countywide einverleibt.
Seine Abneigung gegen etablierte Finanzkonzerne ist allerdings auch relativ zu sehen. Von einem Reporter befragt, was ihn dazu bewegt habe, eine Investmentbank zu kaufen, obwohl er dies nach eigenen Worten niemals tun wollte, sagte Lewis: "Man sollte nie niemals sagen."APA/Red.