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Medizin: „Dunkler als Wissenschaft, mehr als Meinung“

(c) Universität Wien
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Ganzheitsmedizin: Physiker Herbert Pietschmann kritisiert „bornierte“ Naturwissenschaftler.

Dass ein Wiener Universitätsprofessor für theoretische Physik auf einem UNESCO-Symposium über „traditionelles Heilwissen“ auftritt (wie heute, Mittwoch, in Wien), kann Erstaunen hervorrufen. Aber Pietschmann ist auch Philosoph, und nebenbei korrespondierendes Mitglied der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin. Ein Gebiet, über das viele seiner Kollegen wohl nur die Nase rümpfen.

„Reduktionismus“, kritisiert Herbert Pietschmann im Gespräch mit der „Presse“ diese Haltung, „dass das, was die Naturwissenschaft erfassen kann, bereits das Ganze ist“. Die Naturwissenschaft habe ja gerade deswegen so großartige Erfolge vorzuweisen, weil sie sich Grenzen gesetzt habe. „Diese Erfolge haben zwei Wurzeln: Das eine ist die aristotelische Logik, das Entweder-Oder-Denken. Das Zweite ist das Experiment. Und dazu kommt noch die Kausalität. Das ist der Denkrahmen der Naturwissenschaft, der ihr Unglaubliches ermöglicht hat; aber dieser Rahmen hat eben seine Grenzen. Zum Beispiel eben in der Gesundheit, in Bereichen, wo die zwischenmenschliche Beziehung sehr wichtig ist.“

Hier schlägt sich Pietschmann nun gegen Aristoteles auf Platons Seite. „Aristoteles unterscheidet zwischen Wissenschaft und Meinung, Meinung ist demnach uninteressant, weil individuell. Für Platon dagegen gibt es etwas, das dunkler ist als Wissenschaft, aber mehr als Meinung.“ In diesem „Zwischenraum“ wären dann etwa Methoden angesiedelt wie Akupunktur oder Homöopathie. „Die Akupunktur wurde vom obersten Sanitätsrat anerkannt, obwohl man nicht in jeder Hinsicht weiß, wie sie wirkt; in Deutschland gab es eine Zeit lang Leute, die Ärzte, die Akupunktur anwendeten, wegen vorsätzlicher Körperverletzung anklagen wollten! Bei der Homöopathie habe ich als Physiker auch lange an einen Placebo-Effekt geglaubt; aber mehrere bedeutende Internisten sagten mir ,G'sund werden die Leut' davon schon!‘“

 

„Alles nur psychisch?“ Ein Denkfehler

Abgesehen davon, beruht für Pietschmann die Frage, ob alle „alternativen“ Heilmethoden nur auf psychischen Wirkungen, auf Einbildung beruhten, ohnehin schon auf einem Denkfehler. „Die Frage ist selbst Resultat eines falschen Entweder-Oder-Denkens, sie geht von der Trennung zwischen Körper und Geist aus. Aber sobald ich den Körper behandle, behandle ich automatisch den Geist mit – und umgekehrt. Placebo-Effekt heißt nichts anderes, als dass sich die Wirkung nicht physikalisch erklären lässt. Selbstverständlich wirkt dabei die Einbildung mit, aber das ist nichts Schlechtes; auch bei schulmedizinischen Medikamenten spielt dieser Placebo-Effekt eine Rolle.“

„Kritisch und offen“, so definiert Pietschmann eine vernünftige Haltung zu wissenschaftlich nicht erklärbaren Heilmethoden. „Wer nur offen ist, wird leichtgläubig. Aber wer nur kritisch ist, wird borniert.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2008)