Russland: Der Kreml will Finanzmarkt stützen

Mit frischem Kapital aus dem Staatsfonds soll der Börsencrash in Moskau abgefedert werden.

Moskau. Obwohl sich die russischen Anleger in den letzten Monaten an kapitalvernichtende Nachrichten und Ereignisse gewöhnt zu haben scheinen: Seit letzter Woche ist ein Tag schwärzer als der andere. Am Dienstag schlug das Negativpendel derart aus, dass am späten Nachmittag der Handel auf beiden Börsen ausgesetzt werden musste.

Bis dahin hatte die auf Rubelbasis handelnde Interbankenbörse MICEX um 16,60 Prozent auf 890 Punkte nachgegeben. Schon am Montag hatte das russische Parkett auf den Bankrott von Lehman Brothers reagiert. Der RTS hatte um 4,78 Prozent zum Freitag nachgegeben, MICEX landete um 6,18 Prozent tiefer.

Dass die Aktien am Dienstag in Russland schneller fielen als in Amerika, ist „mit dem Misstrauen der Marktteilnehmer gegenüber der ökonomischen und politischen Situation in unserem Land verbunden“, meint Dmitri Janin, Chef der Internationalen Konföderation von Verbrauchergesellschaften.

Dennoch gebe es keine fundamentalen Gründe für einen derartigen Absturz, behauptet Xenija Anoschina, Analystin bei der Investmentgesellschaft Aton-Line.

Russland pumpt Kapital nach

Finanzminister Alexej Kudrin versuchte zu beruhigen. „Gewiss, es bestehen Risiken, je mehr Erschütterungen durch die globale Krise, umso mehr Risken in Russland. Aber sie haben keinen außergewöhnlichen systematischen Charakter.“ Regierung und Zentralbank würden die Liquidität der Ökonomie aufrechterhalten.

Die Sorge um die Liquidität hat zuletzt auch die sonst so selbstbewusste russische Staatsführung auf den Plan gerufen. Vorige Woche hat Staatspräsident Dmitri Medwedjew die Regierung und die Zentralbank aufgerufen, alles dafür zu tun, um zusätzliche Geldmittel an Land zu ziehen. Die Regierung ihrerseits müsse schleunigst die Entwicklungsstrategie für den Finanzmarkt bestätigen.

Zentralbankchef Sergej Ignatjiew gestand ein, dass ein „gewisser Liquiditätsmangel“ besteht: „Die Zentralbank führt großflächige Operationen zur Refinanzierung einiger Banken durch“, sagte Ignatijew. Seit letzte Woche beschlossen worden war, dass auch der russische Staatsfonds fortan riskanter als bisher anlegen kann, erhoffen viele, dass er auch zur Stützung des russischen Finanzmarktes eingesetzt wird. Finanzminister Kudrin bekundete letzte Woche seine grundsätzliche Bereitschaft, ohne sich freilich genauer festzulegen. Die Ratingagentur Standard & Poor's drohte umgehend, das Länderrating herabzustufen, sobald man den Staatsfonds angreife.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2008)

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