Tzipi Livni: Die kühle Sauberfrau aus dem Mossad

(c) AP (Bernat Armangue)

Israels Außenministerin Tzipi Livni hat gute Chancen, bald Regierungschefin zu sein. Ihr größter Trumpf nach den Korruptionsaffären Ehud Olmerts: ihre blütenweiße Weste.

Im elegant-sportlichen Hosenanzug betritt Tzipi Livni den Saal, geht zielstrebig auf den für sie freigehaltenen Eckplatz zu. Ihre zwei Bodyguards bleiben diskret an der Tür. Sie sieht sich um, verschafft sich einen Eindruck über die Zuhörer. Dann streicht sie ihr Haar über das linke Ohr, prüft kurz ihre Notizen und konzentriert sich auf ihren Vorredner.

Israels Außenministerin hält gern Vorträge. Sie tut es souverän und in mehreren Sprachen, wenngleich in jüngster Zeit seltener. Zu beschäftigt ist sie mit den „Primaries“, der Wahl der neuen Führung ihrer Kadima-Partei. Diese Wahl will sie heute, Mittwoch, für sich entscheiden – und ihre Chancen auf den Parteivorsitz und in weiterer Folge das Premiersamt stehen gut. Umfragen geben ihr unter den 74.000 Parteimitgliedern einen klaren Vorsprung auf Verkehrsminister Shaul Mofaz.

Dass überhaupt gewählt wird, geht auch auf das Konto der Außenministerin: „Kadima muss sich entscheiden“, drängte Livni, als neue Indizien in mehreren Korruptionsaffären Premier Ehud Olmert immer mehr zusetzten. Inzwischen empfahlen auch die polizeilichen Ermittler, Olmert vor Gericht zu stellen. Der musste sich schließlich zum Abschied von der Politik bereit erklären.

 

„Wie ein neues Produkt“

Ohne ein Ultimatum zu stellen, hatte Livni in den vergangenen Monaten systematisch gegen ihren Chef agitiert. Bei den Korruptionsvorwürfen ginge es nicht nur um eine rechtliche Sache, sondern um „Werte und Normen und deren Einfluss auf das Vertrauen der Öffentlichkeit“. Damit spielt die ambitionierte Politikerin ihre stärkste Karte aus. Sie hat eine weiße Weste und würde sich, so ihr Ruf, wohl noch nicht einmal einen Kaffee bezahlen lassen. Ehrlich, anständig, klug und gründlich sind die Attribute, die mit ihrem Namen oft verknüpft werden. Livni ist genau das, was die der Korruptionsaffären müden Israelis brauchen. Sie ist „wie ein neues Produkt“ auf dem Markt, schreibt Jael Pas-Melamed von der Zeitung „Yediot Achronot“: „Man kennt es noch nicht, aber es glänzt, also kauft man es, um es auszuprobieren.“

Doch reicht die Tatsache, dass sie nicht korrupt ist, um sie an die Spitze zu bringen? Ihre Gegner bezweifeln es: Im Wettkampf zwischen Sauberkeit und Erfahrung setzen Benjamin Netanjahu (Likud), Verteidigungsminister Ehud Barak (Arbeitspartei) und ihr parteiinterner Gegner, Ex-Generalstabschef Shaul Mofaz, darauf, dass das krisenerpbrobte Volk, eher einem alten Hasen vertraut.

 

Kokettes Understatement

Oder auch nicht. Dass sie eine Frau ist, unterstreicht den Unterschied zwischen „Mrs. Clean“ und den korrupten Männern an der Spitze. Im Vergleich mit Golda Meir, der ersten Frau im Außenminister- und Premiersamt, ist Livni geradezu feminin, wobei die ehemalige Hobby-Basketballerin bis heute mit regelmäßigem „Walken“ am Strand auf ihre körperliche Verfassung achtet. Sie schminkt sich behutsam, die Füße stecken in schmalen Schuhen mit Absätzen, die stabil genug sind, um ihr einen flotten, festen Schritt zu ermöglichen. An Tzipi Livni scheint alles zu stimmen, schon äußerlich.

Der „Rising Star“ (© „Newsweek“) macht sich aber auch sonst auffallend gut. Mit ihrer Mischung aus kühlem Selbstbewusstsein und kokettem Understatement kommt sie an bei ihren Kollegen im Ausland, auf dem diplomatischen Parkett fühlt sie sich wie zu Hause. So meisterte sie die kritische Phase, als die Hamas Anfang 2006 die palästinensischen Wahlen gewonnen hatte, und empfing einen solidarischen Staatsgast nach dem anderen. Westliche Kollegen lasen der forschen Chefdiplomatin Israels Bedingungen an die Hamas förmlich von den Lippen ab und übernahmen sie im Wortlaut.

Die charmante Diplom-Juristin die seit früher Jugend engagierte Tierschützerin ist und auf den Verzehr von Fleisch verzichtet, wie eine Jugendfreundin berichtet, hat indes auch ihre harten Seiten: Als der libanesische Regierungschef in Gedenken an die Opfer des Krieges 2006 mit seinen Gefühlen rang, riet sie ihm, sich die Tränen vom Gesicht zu wischen, und kritisierte seinen pathetischen Versuch, „Propaganda“ zu betreiben.

 

Mysteriöse Agenten-Jahre

Unter dem Titel „Terroristen-Jägerin“ berichtete im Sommer die „Sunday Times“ über Livni, die Mossad-Agentin. In den 80er-Jahren nahm die Jus-Studentin eine Auszeit, um für den Dienst nach Europa zu gehen. Die „kluge Frau mit einem IQ von 150“, schrieb die Zeitung, arbeitete mit ihren Kollegen an der Mission, „arabische Terroristen zu töten“. Was der israelische Geheimdienstexperte Jossi Melman für „weit übertrieben“ hält. Livni selbst sagt dazu nicht mehr, als dass es eine Zeit war, in der „ich viele Dinge gelernt habe, die ich überhaupt nicht gebrauchen kann“. Für ihr Image bei den Wählern ist die geheimnisumwobene Phase als Agentin allemal hilfreich.

Ob sie sich zum Mossad meldete, um es ihren Eltern in Sachen Heldentum nachzutun? Möglich. Beide waren in den Jahren vor der Staatsgründung militante Untergrundkämpfer und gehörten zur Führungsriege des „Irgun“, einer zionistischen Terrorgruppe, die Anschläge gegen die britische Besatzungsmacht und gegen Araber verübte. „Hier liegt der Kopf der Operationen des Irgun“, steht auf dem Grabstein von Livnis Vater, der außerdem eine Karte von Groß-Israel zeigt, inklusive großer Teile des heutigen Jordanien.

 

Abschied von Groß-Israel-Traum

Die Tochter ist klug genug, die Zeichen der sich verändernden Zeit zu erkennen und sich vom Groß-Israel-Traum zu verabschieden: Gemeinsam mit ihrem Mentor, dem im Koma liegenden Ex-Premier Ariel Scharon, verließ sie ihre politische Wiege Likud, um mit der neuen Kadima den einseitigen Abzug aus dem Gazastreifen im Sommer 2005 voranzutreiben.

Ihr Credo: Es müsse zwei Staaten geben, wenn Israel als jüdischer und demokratischer Staat weiterexistieren sollte. Livnis Engagement für den Abzug, der schrittweise im Westjordanland fortgesetzt werden sollte, wie sie und Olmert versprachen, verschaffte ihr breite Sympathien bei Mitte-Links-Wählern, umso mehr, da sie als erste Ministerin eine klare Linie zwischen Terroristen und Widerstandskämpfern zog: „Jemand, der gegen israelische Soldaten kämpft, ist ein Feind, gegen den wir zurückschlagen. Trotzdem glaube ich, dass man nicht von Terror reden kann, wenn das Ziel ein Soldat ist.“

 

Keine Kompromisse mit Hamas

Livnis Tonfall ändert sich schlagartig, wenn die Rede auf die Hamas kommt, mit der sie keine Kompromisse eingehen will – so wenig wie mit dem Iran oder der libanesischen Hisbollah. Und bei den Verhandlungen mit den Palästinensern will sie nichts überstürzen: „Der Prozess braucht Zeit, wir können uns kein weiteres Scheitern erlauben.“ Nach Ansicht der Außenministerin ist weder die Frage über den Grenzverlauf noch die Zukunft Jerusalems entscheidend. Das Schlüsselproblem sei der Konflikt zwischen Extremisten und Moderaten. Damit klingt sie fast schon wie US-Präsident George W. Bush, wenn er vom Kampf zwischen Gut und Böse spricht.