Das letzte Hemd hat keine Taschen

Sex und Geld haben viel gemein, angefangen damit, dass beide knappe Güter sind.

Ob ich in Lech bin oder in Ljubljana, in Dublin oder in Döbling, meine Geldbörse, dieses dumme Gefäß, merkt es nicht, sie birgt nicht dieselben, aber die gleichen Münzen, von der Prägung der Rückseite einmal abgesehen. Euros, Cents, gutes Geld, hartes Geld. Keine seltsamen Silberlinge, die vom Urlaub übrig geblieben sind, die man nach der Heimkehr in eine Lade schüttet, wo sie auf die nächste Reise in ihre Gültigkeitszone warten, vergeblich: Vergessen oxidieren sie vor sich hin, im besten Fall werden sie von den Kindern als Spielgeld emeritiert.

Auch wenn dieses Geld in einem fernen Land noch gültig wäre, flüssig ist es längst nicht mehr, sondern erstarrt, erfroren, leblos, es wird nicht umverteilt, nicht nach unten und nicht einmal nach oben, es arbeitet nicht, es lässt nicht arbeiten. Aus dem Verkehr gezogen, ist ihm sogar die Inflation schon egal: Ganz sicher ist es kein „geldheckendes Geld, money which begets money“, mehr, wie Marx das Kapital definierte.

In Marxens „Kapital“ findet man auch die schöne Erklärung der Waren als „wundertätige Mittel, um aus Geld mehr Geld zu machen“. Das ähnelt nicht nur oberflächlich dem sehr ernsten Biologenscherz, ein Huhn sei das Mittel, um aus einem Ei ein anderes zu machen.

Sex und Geld haben viel gemein, angefangen damit, dass beide knappe Güter sind, bis zur Diskretion, die beide umhüllt. Von einem „monetären Schlafzimmer“ (in dem der Staat nichts zu suchen hätte) sprach der Generalsekretär des österreichischen Sparkassenverbandes einmal, als er das Bankgeheimnis verteidigte: Wie immer man sich ein solches Gemach vorstellen will, auch dort finden Vorgänge statt, die der Vermehrung dienen. Psst, darüber spricht man nicht!


Karl Marx, der stolz darauf war, doch darüber zu sprechen, las und bewunderte übrigens Charles Darwin. Die Verehrung blieb einseitig: In Darwins Nachlass fand man das Exemplar des „Kapital“, das ihm Marx gewidmet hatte, mit nicht aufgeschnittenen Seiten: unberührt. Darwins Schüler nahmen umso bereitwilliger Ausdrücke aus der Ökonomie in ihr Vokabular – bis hin zum Individuum, das sich entscheiden soll, ob es in Selbsterhaltung oder Zeugung von Nachkommen investiert.

Auch das Wort Vererbung meint gleichermaßen Geld und Gene. Der mit seinem Geld begrabene Kinderlose ist ein doppeltes Bild der Unfruchtbarkeit: Er hat sich nicht vermehrt, sein Geld vermehrt sich nicht mehr. Er hat immer gerechnet, darauf geschaut, wie er günstig fährt, was sich auszahlt und was nicht, ein braver Homo oeconomicus, und plötzlich ist alles nichts mehr wert. Ihm nichts mehr wert. „You can't take nothing with you but your soul“, sang John Lennon etwas melodramatisch, der Wiener sagt es schöner: Das letzte Hemd hat keine Taschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2008)

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