Alles, was wir berühren, wird zu Geld

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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„Vorabend“: Drei Geschichten, erzählt von Köhlmeier, kommentiert von Liessmann.

„Es war einmal ein König, der hieß Midas, er war bekannt für seine Gerechtigkeit.“ Es gibt wohl keinen besseren Satz, um den Vorabend eines Symposiums über Geld zu eröffnen. Und es gibt wohl keinen, der dazu befugter wäre als Michael Köhlmeier, Geschichtenerzähler der Nation. Also sagte er ihn und erzählte die erstaunliche Geschichte von der Erfindung des Geldes als universelles Austauschmittel, durch das Gerechtigkeit erst möglich wird, denn wie soll man sonst wissen, wie viele Äpfel ein Rock wert ist?

In dieser Sage aus Kleinasien (ca. 8. Jhd.) steckt die Idee, auf der David Ricardo und Karl Marx ihre Theorien aufbauten: Geld misst die Arbeitszeit, die man braucht, um eine Ware herzustellen, dadurch macht es Waren erst vergleichbar. Doch Midas, der phrygische König, erfand nicht nur das Geld, sondern fand auch das Gold, das Metall, das ein Wert an sich zu sein scheint, obwohl es zu nichts taugt als zur Ergötzung. Nachdem Midas dem Dionysos ein gehörig dionysisches Fest ausgerichtet hat, wünscht er als Dank die Gabe, alles per Berührung in Gold zu verwandeln, „um seine eigene Erfindung ad absurdum zu führen“, so Köhlmeiers Interpretation. Die Pointe ist bekannt: Gold kann man nicht essen, Gier sättigt nicht.

Die Freiheit von Gier zeichnet den Helden der zweiten Geschichte aus: der Eisenmann in einer Altwiener Legende. Er erstaunt alle – auch den Kaiser – dadurch, dass ihm Geld nur Mittel zum Leben ist, dass er genug davon kriegen kann. Nicht einmal Finanzminister will er werden, obwohl die Widmung der fünf Pfennige, die er täglich braucht, bestechend ist: ein Armenpfennig („Kredit“ für den Himmel), ein Altenpfennig (für die Eltern), ein Jungenpfennig (für die Kinder), ein Magenpfennig (für aktuelle Bedürfnisse), ein Wegwerfpfennig (für gescheiterte Pläne).

„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!“

Konrad Paul Liessmann, der die Erzählungen kommentierte, wies auf eine Feinheit hin: Der Eisenmann legt den Kaiser mit dem Versprechen herein, er werde ein Geheimnis nicht verraten, bevor er hundertmal ins kaiserliche Antlitz geblickt habe. Das erledigt er, indem er 100 Gulden genau ansieht: Dort ist des Kaisers Gesicht, schließlich braucht es höchste Autorität, Geld gültig zu machen. Das erinnert an das Jesuswort, man möge dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, er sagt das, nachdem er sich die Münze hat zeigen lassen. Auch die Silberlinge des Judas trugen wohl das Gesicht des Kaisers, und Judas als Schatzmeister Jesu war den Umgang mit ihnen gewohnt.

Als dritte erzählte Köhlmeier eine wilde Geschichte aus der „Legenda aurea“ des Jacobus de Voragine (13.Jhd.) darüber, was Judas Ischariot erlebt hat, bevor er zu Jesus stieß: Hier finden sich Elemente der Moses-Vita (der kleine Judas wird im Schilfkorb ausgesetzt), der Ödipussage (Judas mordet seinen Vater, heiratet seine Mutter) und Versuche einer Erklärung, warum dem Mann das Geld so wichtig gewesen sein soll. Dieses muss immerhin eine für das Heilsgeschehen notwendige – paradoxerweise dennoch „böse“ – Tat katalysieren, als abstraktestes, zugleich stärkstes Lockmittel. Kann man jede Untat mit Geld rechtfertigen? Sind alle, wie Kant fürchtete, bestechlich, wenn nur das Angebot hoch genug ist? Schaltet Geld automatisch die Moral aus? Oder ist es doch ein Mittel der Gerechtigkeit? Gibt es ungerecht hohe oder gar „unmoralisch hohe“ Einkommen? Genug Fragen für das Symposium, das bis Sonntag dauert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2008)

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