Beim Oktoberfest in Berlin halten die Bayern Hof. Wahlkampf-Klänge im Bierzelt.
Berlin. Günther Beckstein nestelte an seinem Hörgerät und seine Frau Marga hielt sich beide Ohren zu, ehe die Gebirgsschützen drei stramme Salven in den Berliner Himmel donnerten. Der Salut für den bayerischen Ministerpräsidenten war Mittwochabend zugleich Auftakt für das Berliner Oktoberfest vor dem Roten Rathaus, der traditionell drei Tage früher über die Bühne geht als das Original auf der Münchner „Wiesn“.
Ein wenig hölzern und mit fremder Hilfe schwang Staatsminister Markus Söder den Schlegel beim Anstich, bevor es vollbracht war: „O'zapft is'!“ Wenn die Bayern – und die Exil-Bayern – standesgemäß in Tracht und Dirndl in Berlin Hof halten, darf auch der Hausherr nicht fehlen. Doch Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) fühlte sich im Bierzelt, einem „weiß-blauen Hoheitsgebiet“ im rot-rot regierten Berlin, wie Beckstein feixte, ein wenig fehl am Platz. Zumal ihm eine Genossin die Show stahl: Andrea Nahles, die SPD-Vizechefin, erschien „aufgebrezelt“ im roten Dirndl, mit hochgestecktem Haar und mächtigem Dekolletée, so als müsste sie in Konkurrenz treten zum Auftritt der Kanzlerin bei der Eröffnung der Osloer Oper. Die sollte erst später auftauchen. Die bayerischen „Mannsbilder“ – die Ehrenkompanie und die CSU-Garde – standen stramm und patschten brav die Hände, als Angela Merkel hochgeschlossen im gedeckten Hosenanzug unter Marschklängen einzog, um sich hernach an Bratwürstel und Leberkäse zu delektieren und mit ihren Parteifreunden anzustoßen.
Die Lederhosen der CSU
Ironisch verbrämte Wahlkampftöne waberten durchs Bierzelt. Angesichts der Landtagswahl in Bayern, bei der die absolute CSU-Mehrheit auf der Kippe steht, juxte Nahles, als Rheinland-Pfälzerin eher den Umgang mit Weinköniginnen gewohnt, vollmundig: „Am 28.September ziehen wir der CSU die Lederhosen aus.“ Vor dem TV-Duell am Donnerstagabend übten sich Beckstein und SPDHerausforderer Franz Maget einträchtig im Small-Talk.
Tischgespräch war die „Beckstein-Formel“: Wer zwei Maß Bier intus habe, sei des Autofahrens noch mächtig. Durchs ganze Land ging ein Aufschrei, Gezeter allerorten. CSU-Landwirtschaftsminister Horst Seehofer etwa, Genüssen aller Arten nicht abhold, kehrte listig den Abstinenzler hervor: „Privat trinke ich nur Milch.“ Indessen war Beckstein um Schadensbegrenzung bemüht: In Bayern nehme man das alles ja nicht so bierernst. Doch nach zwei Maß Bier, so sein Appell, solle man die Finger tunlichst vom Auto lassen.
Klaus Wowereit war da – samt Chauffeur – längst enteilt. Der rote Teppich lockte zur Berliner Galapremiere von „Der Baader-Meinhof-Komplex“ – eines Films, der am Vorabend in München Uraufführung gehabt hatte. Im Sucher Seite 39
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2008)