Österreichweit gibt es 25 Sozialmärkte, in Wien hat am Donnerstag der zweite eröffnet. Weitere folgen in Kürze. Künftig könnten dort noch mehr einkaufen: Die Einkommens-Grenze soll gehoben werden.
Wien. Sind Wachteleier nun Luxusprodukte oder nicht? Die Frage, mit der sich die Politik derzeit beschäftigt, stellt sich hier niemand. Wer im Sozialmarkt (Soma) mit seinen verbilligten Lebensmitteln einkauft, dem geht es ums Über-die-Runden-Kommen. Wachteleier sind da eher nicht eingeplant. Mindestens 25 Sozialmärkte haben seit 1999 (als der erste in Linz entstand ) in Österreich eröffnet. Am Donnerstag ist in Wien ein weiterer dazugekommen.
Die Grazer Vinzenzgemeinschaft hat in der Wallgasse einen Ableger ihres „Vinzi-Markts“ eröffnet, womit Wien nun zwei Sozialmärkte hat. Weitere folgen nun quasi im Monatsabstand. Alexander Schiel, der mit seinem „Sozialmarkt“ in Favoriten so etwas wie der Pionier in Wien war, plant bereits eine weitere Filiale „im 17. oder im 21. Bezirk“, jedenfalls aber „noch heuer“. „Momentan schießen die wie Schwammerl aus dem Boden“, sagt die Direktorin des Wiener Hilfswerks, Ursula Weber-Hejtmanek, und trägt selbst nicht ganz unwesentlich dazu bei: Am 16. Oktober sperrt das Hilfswerk in der Neustiftgasse den mit 1000 m bisher größten Sozialmarkt auf. „Er wird“, sagt die Direktorin, „so aussehen wie ein normaler Supermarkt“. Die Idee – Waren, die von Firmen weggeworfen würden, etwa weil sie falsch etikettiert sind, billig weiterzugeben – eint die Somas. Der Hilfswerk-Markt bietet außerdem Arbeitslosen die Chance, fit für den Arbeitsmarkt zu werden.
Mit Jahresende wird Wien also vier Somas haben. Verträgt die Stadt so viele, in so kurzer Zeit? Sieht man sich die Nachfrage an, dann Ja. Schiels Sozialmarkt, im Mai eröffnet, hat 6500 Kunden die, so zynisch es klingt, wenig genug verdienen, um hier einkaufen zu dürfen. Die Einkommensgrenze liegt meist bei rund 800 €, womit je nach Schätzung 70.000 bis 200.000 Wiener (Sozialhilfebezieher, Arbeitslose etc.) theoretisch einkaufsberechtigt wären. Bedarf an mehr Somas, so Schiel, sei also „leider“ vorhanden.
Konkurrenz für Billa & Co.
Und doch: Ein gewisses Nachdenken hat nun, da „es gerade sehr trendy ist, einen Sozialmarkt zu eröffnen“ (wie der Präsident des Dachverbands „Soma“, Gerhard Steiner, sagt) eingesetzt. Zum einen, weil die Menge der Waren, die Firmen abgeben, beschränkt sei. Zum anderen, so Weber -Hejtmanek, weil man „den Handel nicht vergessen darf“. Gibt es zu viele billige Somas, werde man von den „normalen Supermärkten“ (von denen die Somas auch Gratis-Waren beziehen) als Konkurrenz empfunden. Vor allem, da der Dachverband, dem fast alle Somas angehören, wegen der Teuerung über eine Anhebung der Einkommensgrenze nachdenkt. Auch Schiel überlegt, die Grenze auf „900 oder 1000 Euro“ zu heben. Sprich: Noch mehr Menschen dürften einkaufen. Bei Spar räumt man ein, dass jeder weitere Marktteilnehmer natürlich eine Konkurrenz sei, man „spüre“ die Sozialmärkte aber „noch nicht“. Auch bei Rewe will man nicht von Konkurrenz sprechen.
Durch die Dichte an Sozialmärkten in Wien steht man aber vor einem Problem, das es in kleineren Städten mit nur einem Soma nicht gibt: Dem „Sozialmarkt-Tourismus“, wie es Steiner formuliert: Bedürftige könnten sich bei mehreren Somas registrieren und so um mehr als den erlaubten Betrag (im „Vinzimarkt“ etwa 30 € pro Woche) einkaufen. Um das zu verhindern, überlegt man den Austausch der Kundendaten. Da dies aber ein heikles Thema (Datenschutz!) ist, hat man sich noch zu keiner Lösung durchgerungen.
So ein Soma kann aber auch ein gutes Geschäft sein: Schiels Markt und der Grazer „Vinzi-Markt“ machen mittlerweile sogar leichte Gewinne. Die sie an karitative Einrichtungen weitergeben. Oder in den Ausbau der Sozialmärkte gesteckt werden.
AUF EINEN BLICK
■Sozialmärkte sind auf dem Vormarsch: Österreichweit gibt es mindestens 25, in Wien eröffnete mit dem „Vinzimarkt“ (6., Wallg. 12) eben der zweite Sozialmarkt. Am 16. Oktober sperrt das Wiener Hilfswerk in Neubau (Neustiftg.) auf 1000 m einen Soma auf. Ein vierter soll noch heuer im 17. oder im 21. Bezirk aufsperren. [AP]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2008)