Während die Ablehnung von Muslimen auf zu hohem Niveau stagniert, nehmen Ressentiments gegenüber Juden zu. Doch auch Christen werden vom Hass nicht verschont.
Washington/Wien. Die Zahlen sind alarmierend, die Forscher ratlos: „Die letzten Studien haben uns eher beruhigt. Der Antisemitismus schien auf dem Rückzug“, erinnert sich Professor Werner Bergmann vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung. Und jetzt das: In drei Jahren hat sich das Lager der Judenfeinde in Spanien von 21 auf 46 Prozent fast verdoppelt. In Russland stieg die Zahl jener, die eine „schlechte oder sehr schlechte“ Meinung von Juden haben, von 25 auf 34 Prozent. Und auch ein Viertel der Deutschen erklären sich heute wieder offen für judenfeindlich.
Das sind Ergebnisse der aktuellen Studie des Pew Research Center in Washington. Seit 2002 befragt das renommierte Institut Menschen weltweit zu ihren Haltungen gegenüber Religionen, Völkern und Staaten. Fast 25.000 Interviews in 24 Staaten haben die US-Forscher heuer geführt. Interpretationen liefern sie nicht, aber klare Profile: Der typische europäische Antisemit ist alt, ungebildet, wählt rechte Parteien und kann sich auch mit Muslimen nicht anfreunden. Überraschender ist die Entwicklung in Spanien: „Auch in anderen Umfragen zum Thema fällt dieses Land negativ auf. Doch eine Erklärung gibt es dafür noch nicht.“
Leichter deutbar sind die Briten – als europäische Musterknaben: Nur neun Prozent von ihnen haben ein Problem mit Juden. Auch antimuslimische Haltungen sind mit 23 Prozent weit weniger verbreitet als in Deutschland, Spanien und Polen, wo etwa die Hälfte der Bevölkerung keine Mohammedaner mag. „Die britische jüdische Gemeinde ist klein und seit dem Mittelalter integriert. Rechtsextreme Bewegungen hatten dort nie größere Bedeutung“, erklärt Bergmann. Eine so niedrige Rassismusanfälligkeit gibt es sonst nur in den klassischen Einwanderungsländern USA und Australien.
Islamisten verlieren Zuspruch
Die Pew-Studie kann auch mit positiven Entwicklungen aufwarten: Die Muslimfeindlichkeit in Europa bleibt zwar hoch, stagniert aber. In Deutschland und Spanien geht sie sogar zurück. Trendsetter sind die Jüngeren. Erfreulich auch, dass der islamische Extremismus immer weniger Anhänger findet. Ein Beispiel für viele: Während 2004 noch vier von zehn Pakistani Selbstmordattentate guthießen, ist es heute nur mehr einer von 20.
Irritierend ist aber eine andere Entwicklung in Europa: Auch Christen provozieren bei einem Viertel der Spanier und 17 Prozent der Franzosen negative Gefühle, in beiden Fällen ein starker Anstieg. Auf einen höheren Anteil an Muslimen in der Bevölkerung will Bergmann das nicht zurückführen, „dafür ist ihre Zahl zu klein“.
Bleibt die Deutung, dass die Angst vor dem radikalen Islam jede Form von Gläubigkeit unter den Generalverdacht des Fanatismus stellt. Ob gegen Muslime, Juden oder Christen gerichtet: „Antireligiöse Strömungen sind, freihändig formuliert, im Kommen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2008)