Neu im Kino: Das bleierne Zeitbild

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Aufwendig und mutlos: der Baader Meinhof Komplex. Ein gescheiterter RAF-Film.

"Keine Atempause – Geschichte wird gemacht!“ hieß es kurz nach dem Deutschen Herbst im „Fehlfarben“-Hit „Es geht voran“. Es wäre ein gutes Motto für das aktuelle Projekt des deutschen Großproduzenten Bernd Eichinger. Zuletzt ließ er in Der Untergang die letzten Tage im Führerbunker rekonstruieren: mit totaler „Wahrhaftigkeit“, so die von den (deutschen) Medien eifrig nachgebetete Parteilinie zum Film, die in einer cleveren Kampagne der Macher vorgegeben wurde.

Keine Atempause, (Film-)Geschichte wird schon wieder gemacht! Das nächste Kapitel dunkler deutscher Historie kommt in Eichingers Rekonstruktionsmaschinerie: Der Baader Meinhof Komplex, nach Stefan Austs gleichnamigem Standardwerk zur RAF, wieder vorab per Medienkampagne als großes deutsches Filmereignis der Saison lanciert.

Diesmal ist es nicht so recht gelungen, trotz Bevorzugung von Leitmedien wie dem „Spiegel“ und der „FAZ“, die verkündeten, dieser Film werde die Debatte über deutschen Terrorismus völlig verändern. Genau daran scheitert er aber völlig, das belegen entsprechend enttäuschte Kritiken seither.

Was Der Baader Meinhof Komplex in seinen langen – und ziemlich langweiligen – zweieinhalb Stunden dafür demonstriert, ist die Achillesferse der Eichinger-Methode: Geschichte wird in diesen Geschichtsfilmen nicht gemacht, sondern eingemacht. Eindrucksvoll kann man die Detailtreue in Dekor und Kostüm finden, die „authentische“ Reinszenierung bestimmter Bilder, die ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind.

 

Kein Ansatz, „keine neuen Erkenntnisse“

Doch penible Rekonstruktion ist nur unzulänglicher Ersatz für eine Vision. Und die fehlt grausam: nirgendwo auch nur der Versuch eines Deutungsansatzes. Der frühere deutsche Innenminister Gerhart Baum formulierte trocken für die „Zeit“: „keine neuen Erkenntnisse“. Das sieht, wer sich auch nur flüchtig mit der RAF beschäftigt hat.

In seiner Mischung aus Mutlosigkeit und Aufwand – immerhin: endlich wieder Statistenheere! – wirkt das Resultat weniger wie ein Kinofilm, eher wie „Das Große Fernsehspiel“. So wie Produzent Eichinger den Stoff geschrieben, sein Filmhochschulkollege Uli Edel ihn inszeniert hat, sollte es wohl eine Action-Chronik der eskalierenden Ereignisse werden, ausgehend vom 2.Juni 1967 mit den Massenprotesten gegen den Schah und dem Tod von Benno Ohnesorg: Doch unter der aufwendigen Ausstattungsoberfläche erstarrt die unruhige Abfolge von Fakten, Daten, Namen bald zum bleiernen Zeitbild.

Ironischerweise fehlt Radikalität: Einerseits erlaubt man sich nur minimale Freiheiten (so werden Ensslins Eltern im Film von Aust selbst interviewt). Doch nirgendwo der Wille zur Verdichtung, die den Figuren und Geschehnissen Leben einhauchen würde. Andererseits traut man sich nicht, ganz auf Distanz zu gehen, Zuseher vor den Kopf zu stoßen: Es wird dokudramatisch getan, eine Vielzahl von Charakteren unerklärt durchgereicht – und doch halbherzig nach konventionellen Erzählmustern gesucht.

 

Bruno Ganz: Hitler ist jetzt Herold

Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) dient als Identifikationsfigur zum Eintauchen in die Welt des bewaffneten Kampfes. Bei der Baader-Befreiung nimmt die Kamera ihre Perspektive ein: langes Zögern vor dem unwiderruflichen Sprung aus dem Fenster, den andern hinterher. Vorsorglich ist da schon jene höhere Instanz eingeführt, die als Ultima Ratio dient. BKA-Chef Horst Herold (Bruno Ganz, mit virtuoser Iffland-Theatermimik fehl am Platz, aber einprägsam) bleibt trotz seiner Erfolge angemessen skeptisch, hat zu allem warnende Weisheiten parat: zum kurzsichtigen Vorgehen des Staats, zur Kraft des Mythos RAF, zum Terrorismus als Fortsetzung des „großen Krieges“. Womit man sich allfällige Zeitbezüge vom Leib hält: über Missbrauch des Terrors durch die Politik oder aktuelle Parallelen kein weiteres Wort. Dafür dank des Akteurs ein unheimlicher Nachhall im Eichinger-Universum deutscher Geschichte: Hitler ist jetzt Herold.

Tragisch ist Der Baader MeinhofKomplex nur als symptomatischer „Politfilm“ einer Zeit, in der der Glaube an Ideologien, an politische Visionen verloren scheint. Dahinter steckt aber auch Kalkül, ein aktuelles Gegenbeispiel ist United Red Army vom Japaner Wakamatsu Kôji: Dessen epische, echt bittere Chronik der parallelen Geschichte des bewaffneten Widerstands in Japan hat, was Eichingers Produkt fehlt – Tragik, Radikalität, Unabhängigkeit, Engagement.

Der Baader Meinhof Komplex engagiert sich höchstens für den Weltmarkt: In bester Hollywoodmanier wird Gewalt ausgekostet, Sex minimiert (die Eröffnung am FKK-Strand in Sylt: ein Geschlechtsteilversteckspiel). Als Unterrichtsmaterial ist das Resultat ebenso zweifelhaft: hastige Parallelmontagen historischer Umstände zu modischer Musik haben kaum Stichwortcharakter.

 

Der Baader vom Bahnhof Zoo

Ist man mit anderen RAF-Filmen vertraut, wirken im Vergleich selbst die strittigsten davon interessant, zumal sie etwas riskierten: Die Szenen der Erregung palästinensischer Mitkämpfer angesichts nackter Terroristinnen im Ausbildungslager waren in der Popstar-Fantasie Baader lustiger. (Edel und Eichinger machen – ganz wie früher – allenfalls Der Baader vom Bahnhof Zoo.) Selbst Reinhard Hauffs theatralisches Stammheimscheint retrospektiv auf einmal: filmischer.

Was bleibt? Die Einsicht, dass Deutschland genug Komparsen hat (6300 laut Presseheft). Und genug Starakteure, um unterentwickelte Figuren mit etwas Präsenz ausstatten: Johanna Wokalek als Ensslin kommt am besten weg, weil ihr Charakter einen Zug hat: Fanatismus. Moritz Bleibtreu amüsiert sich als pöbelnder Baader unter diversen Frisuren und macht das leere Versprechen: „Nur die Knarre löst die Starre“. Trotz vieler Schießereien ist dieser Film starr wie eine Leiche: konservierter Geschichtsersatz.

Ab 26. September in Österreichs Kinos.