Beim Wiederlesen des Bestsellers „Der Baader Meinhof Komplex“ von Stefan Aust aus dem Jahre 1985 bin ich immer wieder über das Wort „System“ gestolpert.
Es schaute ganz fremd aus. Vor vierzig Jahren wurde es häufiger verwendet als die beliebte Vokabel „Solidarität“, wenn auch nicht gar so oft wie das klassenbewusste „Schwein“. Das schöne griechische Wort „System“ bedeutet „ein aus mehreren Teilen zusammengesetztes gegliedertes Ganzes“. Programmierer lieben es aus reinem Ordnungssinn. Soziologen wegen der unerschöpflichen Kombinierbarkeit.
Man kann es sich heute gar nicht mehr vorstellen: Das damit Gemeinte wirkte bedrohlich. Als die erste Ausgabe des Buches über die verträumten Sechziger- und die ernüchternden Siebzigerjahre erschien, trieb die „Rote Armee Fraktion“ noch ihr Unwesen, im Kreis ihrer Sympathisanten galt das „System“ als das Böse an sich. Es bedeutete Inferno.
Eingeweihte schnalzten mit der Zunge, wenn eine im linken Milieu hoch angesehene „konkret“-Autorin wie Ulrike Meinhof das „Schweinesystem“ verdammte. Gemeint war damit die behäbige Bundesrepublik Deutschland, die auch nach dreißig Jahren mühevoller Demokratisierung unter dem Generalverdacht des Faschismus stand. Wenn man aber etwa die Protokolle der Krisensitzungen der Regierung aus dem Herbst 1977 liest, offenbart die Innenansicht eine Ordnung, die relativ hilflos auf die absurde Kriegserklärung des Andreas Baader und seiner Komplizen reagierte, die nun im Kino wieder zu Starruhm kommen.
„Entweder Schwein oder Mensch“ lautete die Devise der Stadtguerilla, die sich durch ihre Taten selbst ein System schuf, das sie verschlang. Ihr Wahn wurde zum tödlichen Ernst. Selbstmord bedeutete für die Häftlinge von Stammheim Mord, wer das auch nur anzweifelte, war ein „Counter-Schwein“, also ein Faschist. Solch eine irre Logik führt geradewegs in den Untergang.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2008)