Im Internet kursieren abgewandelte Versionen der Parteisprüche – und sie sind oft deutlich origineller als das Original.
Wien. Politik kann durchaus unterhaltsam sein. Zumindest dann, wenn die Politikerplakate von kreativen Internet-Usern aufs Korn genommen werden. Besonders beliebt ist dabei das Nachahmen von Heinz-Christian Straches Wahlwerbung – samt passenden Reimen. Kleine Kostproben: „Menschenhatz statt Zahnersatz“ (spielt auf den ursprünglichen Beruf Straches als Zahntechniker an) oder „Ka Wehrsport – mei Ehrenwort (zu den Jugendfotos) oder „Sonnenbrand statt Hausverstand“ (weil Strache stets sportlich gebräunt ist). Nach unten hin gibt es dabei keine Grenze: Selbst Reime wie „Neonazi statt Dichand-Schatzi“ oder „Wahlkampfschmäh braucht Pulverschnee“ kursieren mit dem Konterfei Straches im Internet.
Doppelter Beichtzwang
Doch auch die anderen Parteien kriegen ihr Fett ab: Das ÖVP-Plakat „Volle Härte bei Kindesmissbrauch“ wird zu „Volle Härte für Handtaschenräuber“. Als Richterin am gefälschten Plakat fungiert Innenministerin Maria Fekter, der kürzlich die Handtasche gestohlen wurde. Aus dem ÖVP-Plakat zur doppelten Familienbeihilfe wurde im Internet hingegen „Beichtzwang für alle – jeden September doppelt – Familien brauchen Hilfe gegen den Teufel“. SPÖ-Chef Werner Faymann wird wiederum unfreiwillig zum Werbeträger für McDonald's.
Genug „Titten“ statt „gestritten“
Faymanns Plakat „Genug gestritten“ wurde überdies zu „Genug Titten“ umgetauft. Aus dem Grünen-Plakat „Umfallen? – nicht mit mir“ wurde hingegen ein „Stimmenzuwachs? – nicht mit mir“- Plakat – samt Konterfei von Alexander Van der Bellen. Auch Jörg Haiders BZÖ oder die Liberalen werden nicht verschont (siehe Bilder). Hinter den falschen Wahlplakaten steckt vor allem die Internet-Plattform „raketa.at“. Weitere humoristische Beiträge zum Wahlkampf finden sich etwa auf rappelkopf.at oderzeichenware.at. Eher sachlich gibt sich die Seite neuwal.at. Das Maskottchen der Seite, der Neuwal, macht aber klar, dass er „kein Grundnahrungsmittel ist“ – eine Anspielung auf die im Wahlkampf diskutierte Mehrwertsteuersenkung mit Ausnahme von Luxusgütern. Auffallend gegen die SPÖ gerichtet sind die E-Cards bei der Homepage von „Wirtschaft am Spieß“ (amspiess.at).
Überhaupt zeigen sich auch die Parteizentralen durchaus kreativ, wenn es um die Herabwürdigung des politischen Gegners geht. Aufroterstillstand.at gibt es nicht nur Anti-Faymann-E-Cards, auch ein Memory-Spiel rund um den roten Boss findet sich auf der Seite. Jedes Memory-Pärchen spielt freilich auf eine angebliche negative Eigenschaft von Faymann an („Kronen Zeitung“, EU-Flagge oder ein Aal – weil Faymann „glatt wie ein Aal“ sein soll). Hinter der Seite steckt die Junge ÖVP.
Doch das rote Imperium schlägt dafür viaschwarzsprechen.at zurück: Auf dieser Seite muss man unter anderem Zitate richtig zuordnen. Kleine Kostprobe: „Um zehn Euro kann man bei Billa gerade drei Wurstsemmeln kaufen“ – von wem stammt diese Aussage angesichts von Pensionskürzungen? A) Vom Chef des Billa-Konkurrenten Spar, B) von Fürstin Gloria von Thurn und Taxis oder C) von ÖVP-Jugendsprecherin Silvia Fuhrmann.
Strache scherzt über sich selbst
Freilich: Manch ein Politiker nimmt sich gleich selbst auf die Schippe: FPÖ-Chef Strache schreibt auf seiner Homepage (hcstrache.at) etwa über sein Lieblingsgetränk: „Passend zum Anlass, zum Beispiel drei Bier“ – eine Anspielung auf seine Jugendfotos. Strache hatte behauptet, auf einem ihm angekreideten Foto nicht einen Neonazigruß zu zeigen, sondern nur drei Bier zu bestellen.
Übrigens: Wer immer schon sein eigenes Wahlplakat samt dazugehörigem Kanzler zusammenbauen wollte, kann sein Glück unter diepresse.com/kanzlomat versuchen.
www.raketa.at
www.rappelkopf.at
www.zeichenware.at
www.neuwal.at
www.amspiess.at
www.roterstillstand.at
www.schwarzsprechen.at
AUF EINEN BLICK
http://diepresse.com/kanzlomat■Die Wahlplakate der Parteien werden im Internet gerne nachgeahmt: Dahinter stecken meist unabhängige Internetseiten. Aber auch die Parteizentralen geben sich Mühe, den politischen Gegner durch imitierte Plakate und durch Versenden von nachteiligen E-Cards zu desavouieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2008)