Buchkritik: Hintergründe der Billionen-Pleite

Wie konnten faule Kredite das weltweite Finanzsystem erschüttern? Ein neues Buch gibt Antworten.

WASHINGTON (rie). Die amerikanischen Investmentfirmen fallen um wie Dominosteine: Erst Bear Stearns, das zum Diskont-Preis an JPMorgan ging; dann die Milliardenpleite von Lehman Brothers; der Verkauf von Merrill Lynch an die Bank of America; das 85-Mrd.-Dollar-Auffangnetz für den Versicherungsriesen AIG. Doch ist es damit noch nicht getan: Mit bis zu 1,3 Billionen Dollar will die US-Regierung faule Kredite abdecken, um das amerikanische Finanzsystem zu retten.

Doch wie konnte es so weit kommen? Warum konnten ein paar faule Hypotheken das globale Finanzsystem in die Knie zwingen? Der Wiener Autor Rainer Sommer geht dieser Frage in dem klugen Buch „Die Subprime-Krise“ nach.

Es begann am 11. September

Mit viel Sachkenntnis durchleuchtet Sommer die Hintergründe der Krise, die ihren Ausgang unter anderem mit der massiven Senkung der Zinsen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatte. Plötzlich bekamen auch jene Menschen Kredite für Haus- oder Wohnungskauf, die normalerweise keine bekommen hätten: eben „Subprime“-Kredite. Eine Anzahlung für den Hauskauf? Nicht notwendig! Banken vergaben sogenannte „Interest-Only-Loans“, bei denen der Kreditgeber für eine bestimmte Zeit nur die anfallenden Zinsen bezahlen musste.

Gebaut hatte man auf die stetig steigenden Immobilienpreise: Der Wert mancher Häuser verdreifachte sich zwischen 2002 und 2006. Die Banken gaben den Besitzern nur allzu bereitwillig neue Kredite, mit denen sie Autos und Urlaube finanzierten, gesichert durch den theoretischen Wert des Hauses.

Als die Zinsen anzogen, wurden die „Subprime“-Kredite schlecht. Und so brachten einfache Hausbesitzer, die plötzlich ihre Raten nicht mehr bezahlen konnten, am Ende die Säulen der US-Wirtschaft zum Erzittern.

Unverständliche Finanzprodukte

Der Autor macht ein Zusammenspiel laxer Kontrollen, niedriger Zinsen und neuer, schlecht verstandener Finanzprodukte dafür verantwortlich, dass das Finanzsystem jetzt am Abgrund steht. Sommer erklärt detailreich und, was bei diesem Thema noch wichtiger ist, verständlich, was sich auf dem US-Markt abspielte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2008)

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