Großbritannien: Achterbahn-Fahrt der Gefühle in London

Die Krise der Finanzwirtschaft zieht Großbritannien immer tiefer nach unten.

London. Man kann Gordon Brown nicht vorwerfen, dass er zu vorschnellen Reaktionen neigt. Seit Monaten befindet sich die britische Wirtschaft im freien Fall, doch der Premier übte sich erst lange in Beschönigung („Kein Land ist besser aufgestellt, diese Krise zu bestehen“) und dann in Durchhalteparolen („Das Wichtigste ist, dass wir unseren Job machen“), ehe er nun eingriff: Zuerst kam auf seine „Anregung“ die Rettung des Bausparkassen-Riesen HBOS durch Lloyds TSB zustande, dann verhängten die Behörden in der Nacht auf Freitag ein vorübergehendes Verbot der Spekulation auf fallende Kurse von 29 Börsentitel aus der Finanzwirtschaft.

Damit soll Hedgefonds und sonstigen „Geiern“ zumindest für vier Monate, das Handwerk gelegt werden. So lange gilt der Bann vorerst. „Short selling“ nennt sich die Praxis im Englischen, bei der mit der Wette auf fallende Kurse im Handumdrehen Riesengewinne gemacht werden können. Die Londoner Börse reagierte enthusiastisch und legte am Freitag um 8,84 Prozent zu. Am stärksten stiegen die Kurse der Banken und Versicherungen, die durch die neuen Regeln geschützt werden.

110.000 Arbeitsplätze in Gefahr

Dennoch hielt sich die Euphorie in Grenzen. So groß waren die Verluste der vergangenen Tage gewesen, als der Börsenindex FT-SE auf den niedrigsten Stand seit den Anschlägen von 9/11 und unter die psychologisch wichtige 5000er-Marke fiel, dass der Aufwärtstrend niemanden davon überzeugen konnte, dass das Schlimmste ausgestanden sei. Eine Hochschaubahn-Fahrt ist im Vergleich zum Börsengeschehen dieser Tage ein Osterspaziergang.

Wer das miterlebt hat, steht weiter unter Schock: „Ich bleibe dabei: Es ist grauenvoll“, sagt Andrew, ein Banker der Royal Bank of Scotland, zur „Presse“. „Am Montag sahen wir unsere Kollegen von Lehman alles verlieren, am Dienstag geriet HBOS unter Beschuss, am Mittwoch kam es zur Fusion mit Lloyds, die tausende Arbeitsplätze kosten wird. Da fragt man sich schon, ob man als Nächster an der Reihe ist.“ In der Londoner City sollen bis zu 110.000 Jobs in Gefahr sein. Selbst scheinbar unsinkbare Tanker wie die Metallbörse gerieten ins Schlingern.

Brown will „aufräumen“

Premier Brown kündigt nun das große „Aufräumen“ in der City an: „Wir werden jede Maßnahme ergreifen, die notwendig ist, um Stabilität herzustellen.“ Analysten sind nicht so sicher: „Dieses Verbot könnte der letzte Sargnagel sein. Wenn es zum Abzug der Händler in großem Stil kommt, wird das gravierende Folgen für die Realwirtschaft haben“, warnt Jonathan Herbst von der Rechtsanwaltskanzlei Norton Rose.

Das ist optimistisch formuliert, denn die Folgen sind längst da: Die Arbeitslosigkeit droht bis zum Winter die Zwei-Millionen-Grenze zu überschreiten, die Inflation liegt mit 4,7 Prozent weit über dem Richtwert von zwei Prozent und weist steigende Tendenz auf, der Immobilienmarkt ist mit einem Wertverlust von zwölf Prozent seit Jahresbeginn praktisch tot. Zuletzt kündigte der Autohersteller Jaguar eine Rücknahme der Produktion an. Nicht nur die OECD, auch heimische Experten sehen Großbritannien bis mindestens Mitte 2009 in der Rezession.

Die Menschen spüren das mittlerweile. „Ich wollte eigentlich Geld flüssig machen, um mir ein neues Auto zu kaufen“, sagt Beverley, die in der City arbeitet. „Jetzt bin ich froh, wenn ich zu Jahresende noch meinen Job habe.“ Andere hat es schon erwischt: Allein die Lehman-Pleite bedeutete für 5000 Menschen fürs Erste Arbeitslosigkeit. „Aktienoptionen, Pensionsplan, Bonuszahlungen – alles weg“, meint Cecilia. Ungeachtet der Kursgewinne Freitag fürchtet sie: „Einen Job werde ich wohl wieder finden. Aber die guten Zeiten sind wohl endgültig vorbei.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.