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Philosophicum Lech: Das Kreuz und die Kreuzer

In diesem Gemälde (1748-50) von Tiepolo beschenkt der alte Meeresgott Neptun die Stadt Venedig
(c) albertina
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Das Thema war Geld – mit all seinen metaphysischen Spitzfindigkeiten und theologischen Mucken. Vom „Geldatheismus“ über Jesu „Zinsgroschen“ bis zu den Wegen des Finanzkapitals: eine wertvolle Tagung.

Geld mag im Winter (noch) mehr fließen in Lech. Doch in der dritten Septemberwoche ist das Vorarlberger Bergdorf alljährlich mit einiger Sicherheit das Raum-Zeit-Gebiet mit der größten Dichte an „Faust“-Zitaten im Universum. Denn dann ist dort Philosophicum. Konrad Paul Liessmann, löblicher Leiter dieser löblichen Tagung, ist auch daran nicht unschuldig. So hat er für das heurige Thema „Geld“ den Untertitel „Was die Welt im Innersten zusammenhält?“ gewählt – eine Formulierung, die Heinrich Faust verwendet, als er noch lange nicht ahnt, dass er endlich zum Unternehmer (und dann erlöst) werden soll.

Davor wird er freilich Bankier, Erfinder des Papiergelds: „Ein solch Papier, an Gold und Perlen statt, ist so bequem, man weiß doch, was man hat!“, sagt sein Kompagnon Mephisto. Konservativer sieht's der Geiz kurz davor: „Dies Metall lässt sich in alles wandeln“, sagt er über das Gold.

Dieser Satz, umgemünzt auf das Geld, diente Jochen Hörisch, Germanist und Feuerkopf in Mannheim, für eine der wildesten Konstruktionen des heurigen Philosophicums: Geld als „ontosemiologisches Leitmedium“ der Antike und der Neuzeit entspreche dem christlichen Abendmahl als Leitmedium des Mittelalters. „Beide sind wandlungs- bzw. transsubtantiationstauglich: Geld wandelt sich in Waren, Brot und Wein wandeln sich in Christi Leib und Blut.“ „In diesem Zeichen wird nun jeder selig“, sagt des Kaisers Schatzmeister im „Faust II“: eine Anspielung auf den Satz, den Christus zu Kaiser Konstantin gesagt haben soll: „In hoc signo vinces.“ Im Zeichen des Kreuzes, nicht des Kreuzers.

Unsere Zukunft werde von der Antwort auf die Frage „Gott oder Geld?“ (respektive: „Gott und Geld, aber wie?“) abhängen, schloss Hörisch ungewohnt salbungsvoll. Diese Frage hing über der Tagung wie die Wolken über Lech. Die alte Passion der Philosophie, irdische Dinge als „religiös“ oder „quasireligiös“ zu entlarven, loderte vielleicht noch heller, weil das Philosophicum in der Neuen Kirche Lech stattfand. Und es hat schon seinen Reiz, wenn in einem Raum, in dem man sonst das katholische Credo spricht, z.B. ein Vortragender mit Emphase bekennt: „Ja, ich bin ein Geldatheist.“

 

Ist Geld nur eine Illusion?

Das war Karl-Heinz Brodbeck, Volkswirtschaftler (Würzburg) mit Sympathie für den Buddhismus. Was irgendwie erklärt, warum er das Geld partout als „Illusion“ sehen will. Irgendwie aber auch nicht: Denn in der buddhistischen Lehre ist bekanntlich vieles, wenn nicht alles ein Schein, nicht nur die Scheine. Zugleich nennt Brodbeck das Geld „eine Form des Denkens“ (die unseren ganzen Geist „kontaminiert“ habe); im nächsten Vortrag (Christoph Deutschmann, Soziologe in Tübingen) erfuhr man, dass Geld ein „Spiegel für die Gesellschaft“ sei (und so in Durkheims blutarmer Definition „kollektive Identität“ und damit Religion stifte)...

Kurz: Die „metaphysische Spitzfindigkeit“, die „theologischen Mucken“ und der „mystische Charakter“, die Karl Marx in der Ware sah, finden sich mindestens genauso im Geld. Das eben auch kein „selbstverständliches, triviales Ding“ ist. Aber ziemlich wirkungsmächtig. Und wesentlich mit Gier verbunden, wie Brodbeck meinte – unter Berufung auf den großen Ökonomen John Maynard Keynes: Er nannte die „Liebe zum Geld als Besitz“ – im Unterschied zur „Liebe zum Geld als Mittel für die Freuden und Realitäten des Lebens“ – eine „ekelhafte Krankheit, eine dieser halbkriminellen, halbpathologischen Eigenschaften, die man mit einem Schauer den Spezialisten für Geisteskrankheiten übergibt“.

 

Ein Schleier? Ein Schmiermittel?

Ein Fall für die Wissenschaft also, aber für die Medizin und nicht für die Ökonomie? Deren Mainstream, die Neoklassik, verstehe das Geld gar nicht, beklagte Brodbeck: Sie sehe das Geld nur als „Schleier“ über den „wirklichen“ Vorgängen in der Wirtschaft. Und das sei nicht so, sagt Brodbeck. Geld sei mehr als ein Schmiermittel der Maschine Wirtschaft, ohne Geld gebe es keinen Markt.

Schon gar keinen Finanzmarkt. Diesen zerlegte Stephan Schulmeister (Wifo), indem er erklärte, was das Geld so tut, wenn man (das unpersönliche Fürwort steht hier für einen Akteur des Finanzkapitals, das kann auch ein „kleiner“ Anleger, etwa in Pensionsfonds, sein) es für sich „arbeiten lässt“. Wenn man also nicht mehr den Umweg über die Produktion von Waren wählt, sondern auf Spekulation mit Rohstoffen, Devisen, Aktien, Derivaten etc. oder auf Bewertungsgewinne setzt. Dieser Markt ist in den letzten zwei Jahrzehnten rasant gewachsen, der Handel mit Devisen und Derivaten lässt den Handel mit „normalen“ Aktien (die eine direkte Entsprechung in produktiver Wirtschaft haben) weit hinter sich.

 

Manisch-depressive Finanzmärkte

Eine Hauptthese Schulmeisters: Auf diesen boomenden Finanzmärkten gilt nicht mehr, was auf dem Markt der realen Güter gilt. Dass nämlich der Markt die richtigen Signale setzt. So entstehe dauernde Instabilität, die Schulmeister als „manisch depressive Schwankungen“ bezeichnet. Und eine systematische Umverteilung von „Amateuren“ zu „Profis“, denn auch hier müsse die Summe gleich null sein.

Wobei „frisches Blut“ von Börse-Amateuren wesentlich sei, um eine „Bubble“ zu nähren, die später unweigerlich platzt. In einer Krise, wie wir sie derzeit erleben, ziehen sich die verunsicherten Amateure zurück – worauf sich der Verteilungskampf zwischen den Profis verschärft. Was tun? Schulmeister liebäugelt mit einem Interessensbündnis zwischen Arbeit und Realkapital (à la Rheinischer Kapitalismus) gegen das Finanzkapital. Für das Realkapital habe der „Neoliberalismus“ seine Schuldigkeit getan (Gewerkschaften und Sozialstaat zurückgedrängt), nun schade er ihm nur mehr.

Seltsam, dass der prognostizierte Aufschrei von Vertretern der Neoklassik ausblieb. Gewiss, die Hayekianer und Friedmanites sind leiser geworden in letzter Zeit. Aber es war doch enttäuschend, dass jene, die am Abend vorher in der Philosophenbar erklärt hatten, dass Schulmeister irre, sich am Tag nicht zu Wort meldeten, um zu erklären, wieso er ihrer Meinung nach irrt. Wer schweigt, scheint zuzustimmen, das gilt auch in der Lecher Kirche.

Wo am Sonntagmorgen das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matt.20, 1–16) als Evangelium auf der Messordnung stand, mit dem berühmten Resümee: „So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein“, und mit der so gar nicht leistungsbewussten Moral, dass alle Arbeiter gleich viel bekommen, auch die, die nur eine Stunde gearbeitet haben.

Kann man daraus eine geldfeindliche Tendenz des Christentums lesen? Eher eine gleichgültige, belegbar etwa durch das in allen drei synoptischen Evangelien aufscheinende, beim Philosophicum mehrmals zitierten Jesus-Wort: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“

Andererseits verwenden etliche Jesus-Gleichnisse – wie Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder in einem an Geist und Bildern reichen Referat über „Das Geld in der Kunst“ hervorhob – Kapital und Zinsen als Metapher für geistliche Güter. Das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden etwa mündet in einem Satz, der wie eine (kritische) Beschreibung des Finanzkapitalismus klingt: „Wer da hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat.“

 

Erotik der Potenz

Jedenfalls steht bis auf Weiteres auf jedem Dollar der Satz „In God We Trust“ – was Gottfried Gabriel (Philosoph in Jena) einen „performativen Widerspruch“ nannte: „Ausgerechnet das moderne Goldene Kalb wird mit der Beteuerung versehen, dass man einzig auf Gott vertraue.“ Wie auch die Ästhetik von Geld als „vertrauensbildende Maßnahme“ diene. Die „dreckigen Lappen“, die Geldscheine allerdings, die sogar Onkel Dagobert gründlich waschen muss, strahlen einzig die „Erotik der Potenz“ aus. „Und baden kann man nur in Münzgeld!“ Auch dabei kommt es wohl auch auf das Gewicht der Münzen an – so wie beim Zählen, das ja oft mit einem Abwägen einhergeht. Gabriel nannte das Beispiel der DDR-Münzen, die aus Aluminium und daher leichter und unscheinbarer als ihre kupfernen BRD-Pendants waren: „Das war für das Ansehen der DDR-Währung verheerend.“

 

„Jede Schneeflocke ein Cent“

Ob diese „Alu-Chips“ sich (unter anderen politischen Bedingungen) für die regionalen, nicht dem Zinseszins unterworfenen Alternativwährungen eignen würden, die Margrit Kennedy bewirbt? Eigentlich Architektin, engagiert sie sich seit Jahrzehnten für solches Geld, das – nicht frei tauschbar, mit einer Art künstlichen Inflation behaftet und daher für den Kapitalmarkt uninteressant – u.a. die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Regionen fördern soll.

In Lech freilich verlässt man sich auf die Kraft des Euro. Allerorten wird über das Hotel gemunkelt, das am Hang gebaut wird, angeblich vom russischen Oligarchen Oleg Deripaska, mit Preisen von 700 bis 7000 Euro. Pro Nacht. Selbst wenn das übertrieben sein sollte, das Geld fließt. Und ist allseits konvertibel, umrechenbar. Sogar in reale Niederschläge. Wie die freundliche Wirtin erklärte: „Jede Schneeflocke ein Cent.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2008)