Trotz Staatsintervention kommt der Finanzsektor unter die Räder. Seit Mai hat das russische Parkett über 50 Prozent Kursverluste und einen Kapitalisierungsverlust von 800 Mrd. Dollar zu bedauern.
MOSKAU. Die internationale Finanzkrise fordert auch in Russland ihre ersten Opfer. Nach der schwärzesten Woche für den russischen Finanzsektor seit der historischen Krise im Jahr 1998 wird allmählich offensichtlich, dass der sehr zersplitterten Bankenbranche eine Konsolidierungsphase bevorsteht.
So hat letzte Woche die Investmentbank KIT Finance eingestanden, ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen zu können. Mit einer Finanzspritze, die die Eigenmittel der Bank um das Anderthalbfache übersteigen, wurde das Institut aufgefangen. Derzeit läuft der Verkauf an den Finanzverwalter „Leader“. Gleichzeitig verhandelt die „Svjaz-Bank“, die letzte Woche ins Trudeln kam, eine Übernahme durch das zweitgrößte Geldinstitut „Vneschtorgbank“. Auch die Nomos-Bank geriet zwischendurch in Finanzengpässe.
Institute mit zweifelhaftem Ruf
Russische Medien und Beobachter sehen in diesen Beispielen nur die ersten Schwalben einer größeren Tendenz. „Es kann der Beginn eines breiteren Konsolidierungsprozesses für das russische Bankensystem sein – besonders im Investment- und Brokersegment“, meint Vladimir Savov, Stratege der Credit Suisse. Auch wenn dieser Prozess schmerzhaft sei: „Auf lange Sicht wird er den russischen Finanzmarkt stärken.“
In der optimistischen Lesart erfüllt also die Finanzkrise zum Teil jene Aufgabe, mit der die Währungshüter nur sehr schleppend vorankommen: nämlich den sehr zersplitterten und äußerst intransparenten Bankensektor zu durchforsten. Zwar dominiert eine überschaubare Anzahl großer Banken die Branche, insgesamt aber zählt Russland über 1000 Geldinstitute mit teils zweifelhafter Reputation. Wegen Geldwäsche wurden etwa im Vorjahr 44 Banken geschlossen.
Damit die jetzige Finanzkrise nicht auch renommierte Institute hinwegfegt, hat die Regierung ihr Notfallkreditprogramm für die angeschlagene Finanzbranche deutlich ausgeweitet. Das Finanzministerium kündigte am Sonntag an, 28 Banken Kredite in Höhe von insgesamt 600 Milliarden Rubel (rund 16 Milliarden Euro) zur Verfügung zu stellen.
Staatshilfe deutlich höher
Ursprünglich war nur für die drei Großbanken (Sberbank, VTB und Gazprombank) ein Notfallpaket vorgesehen gewesen – 44 Mrd. Dollar wurden in Aussicht gestellt, dazu 20 Mrd. Dollar, um Aktien entwerteter Titel aufzukaufen. Dies hatte die Börse, die am Mittwoch und Donnerstag dramatisch eingebrochen war, am Freitag explodieren lassen. Seit Mai hat das russische Parkett dennoch über 50 Prozent Kursverluste und einen Kapitalisierungsverlust von 800 Mrd. Dollar zu bedauern.
Auch wenn die staatlichen Finanzinterventionen das Bankensystem retten, so können sie doch den Abfluss westlichen Geldes nicht bremsen und anderen Wirtschaftszweigen das Leben nicht erleichtern, meint das russische Finanzmagazin „Smart Money“.
Laut Andrej Scharonov, Direktor der Bank „Trojka Dialog“, tauchen bereits Probleme bei jenen Firmen des realen Sektors auf, bei denen die Frist zur Schuldenrefinanzierung abläuft. Konkret gehe es um eine Vielzahl von Immobilienentwicklern und Baufirmen, die angekündigt hätten, einen Großteil ihrer Programme einzufrieren: „Jetzt kommt die Situation, da nicht die Firmen mit einem guten Ergebnis, sondern die mit einem guten Geldfluss gewinnen.“
Die Ratingagentur Fitch sieht neben dem Bausektor noch den Einzelhandel gefährdet. Ihre Konkurrentin Standard & Poor's hat die Kreditwürdigkeit Russlands auf „stabil“ herabgestuft, weil die russische Wirtschaftspolitik unbestimmt sei und globale Banken die Limits für russische Schuldner kürzen.
„Alle fundamentalen Daten der russischen Wirtschaft bleiben im Rahmen der Norm“, beruhigte Premier Wladimir Putin am Freitag. Das Land hat Finanzreserven wie noch nie in seiner Geschichte: über 550 Mrd. Dollar Währungsreserven und 172 Mrd. Dollar im Stabilisierungsfonds. Aber auch sie werden vor langfristigen Folgen der Finanzkrise nicht schützen können: Die Errichtung eines globalen Finanzzentrums in Russland verzögert sich. Der Unmut der Unternehmer über die isolationistische und interventionistische Wirtschaftspolitik könnte steigen. Und die Unzufriedenheit der Bevölkerung wegen der weiter angeheizten Inflation ist gewiss.
Auf einen blick
■Der Kreml hat die Staatshilfen für russische Banken um knapp 16 Mrd. Euro aufgestockt. Damit können 28 Banken mit finanziellen Überbrückungshilfen rechnen, falls sie im Zuge der internationalen Finanzkrise in Schwierigkeiten geraten sollten.
■Finanzmarkt-Experten rechnen mit einer kräftigen Bereinigung im russischen Banken-Sektor. Derzeit gibt es in Russland knapp 1000 Geldinstitute. Dominiert wird der Markt allerdings von den größten Banken des Landes: Sberbank, VTB und Gazprombank.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2008)