Ende einer Ära an der Wall Street

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Morgan Stanley und Goldman Sachs flüchten unter die Fittiche der US-Notenbank. Der Finanz-GAU beschert der US-Bankenwelt den größten Umbruch seit den Dreißigerjahren.

New York/Wien (pb/ju). Man nannte sie „Big Five“, und sie haben die globale Finanzwelt regiert. Die Finanzkrise hat sie binnen weniger Wochen hinweggefegt – und jetzt gibt es sie nicht mehr: Am Montag haben die letzten beiden der fünf großen amerikanischen Investmentbanken, Morgan Stanley und Goldman Sachs, ihr Geschäftsmodell aufgegeben und ihre Umwandlung in ganz normale Geschäftsbanken angekündigt.

Nicht ganz freiwillig: Sie waren „in die Arme der Notenbank Fed geflüchtet“, wie Beobachter kommentierten. Denn die beiden größten US-Investmentbanken waren in den vergangenen Tagen durch die schwelende Finanzkrise in schwere Schieflage und damit in Insolvenzgefahr geraten. Als Geschäftsbanken dürfen sie jetzt Einlagen von Privaten annehmen und bekommen Zugang zu den Geldtöpfen der Notenbank. Dafür gelten für sie wesentlich strengere Regulierungen.

Die wichtigste: Sie müssen nun, so wie andere Banken auch, für ihre Geschäfte Geld bei der Fed hinterlegen. Als Investmentbanken fädelten sie nicht nur große Übernahmen ein, sie konnten mit riesigen geliehenen Summen auch ordentlich spekulieren. Dieser „Hebel“ verschaffte ihnen in guten Zeiten Milliardengewinne. Und brachte sie jetzt an den Rand des Abgrunds.

Mit der Umwandlung in normale Geschäftsbanken ist das nach der Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre eingeführte Geschäftsmodell der Investmentbank tot. Und an der Wall Street geht eine Ära zu Ende. Denn in den letzten 20 Jahren hatten die „Big Five“ den amerikanischen (und damit den globalen) Finanzmarkt dominiert.

Schneller Exitus

Der Exitus kam für die „großen fünf“ relativ schnell: Im März war Bear Stearns pleitegegangen und von der breiter aufgestellten JP Morgan Chase aufgefangen worden. Am 15.September, also erst in der Vorwoche, hatten sich gleich zwei der „Big Five“ verabschiedet, was an den Weltbörsen schwere tektonische Erschütterungen auslöste: Lehman Brothers wurde zahlungsunfähig und wird zerschlagen. Merrill Lynch fuhr ebenfalls gegen die Wand und wurde von der Bank of America geschluckt.

Goldman Sachs und Morgan Stanley wird dieses Schicksal wohl erspart bleiben. Sie werden wahrscheinlich sofort, also schon in der Übergangszeit, Zugriff auf Notenbankmittel bekommen. Über den Berg sind sie aber noch nicht. Morgan Stanley etwa sucht verzweifelt Kapitalgeber. Wie es gestern hieß, könnte die japanische Mitsubishi UFJ Financial Group mit 20 Prozent einsteigen. Auch ein chinesischer Staatsfonds ist als potenzieller Geldgeber im Spiel.

Für Beobachter in New York gilt die Flucht der beiden Investmentbanken unter die Fittiche der Fed als Beweis dafür, dass die Finanzkrise erst auf ihren Höhepunkt zutreibt.

Finanzpolizei ohne BissSeite 25
Noch keine Aktien kaufenSeite 26

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2008)

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