Wiener Anthropologen bestätigen: Menschen lesen in den „Gesichtern“ von Autos. Ein großer Abstand zwischen den Scheinwerfern wird etwa als männlich empfunden.
Wir wissen von Autofahrern, die sich gegen den Fiat Punto Grande und für den (älteren) Fiat Punto mit der Begründung entschieden haben, jener sehe tückisch drein, während dieser einen sympathischen Gesichtsausdruck habe...
So absurd dies sein mag, es illustriert, was nicht nur Autofahrer wissen: Ein Auto hat ein Gesicht, es schaut uns an. Das liegt daran, dass wir überall Augen erblicken, wo etwas aussieht wie Augen. Und dass wir aus allen Augen den Charakter ihres Trägers lesen wollen. Das kann zu nächtlichen Horrorerlebnissen führen, das verstärkt auch unsere Beziehung zu Autos.
Die Scheinwerfer entsprechen den Augen; der Kühlergrill ist das Pendant zur Nase, die Luftschlitze darunter sind der Mund. Das konnten Anthropologen der Uni Wien um Sonja Windhager und Karl Grammer in einer in Human Nature publizierten Arbeit bestätigten. Über 80% der Testpersonen sahen in mindestens der Hälfte der gezeigten Autos ein Gesicht. Untersucht wurde auch, mit einem Set geometrisch definierter Merkmale, welche Attribute den „Gesichtsausdruck“ eines Autos bestimmen. Autos, die als „kindlich“, „weiblich“, „nicht zornig“, „nicht arrogant“ oder „freundlich“ wahrgenommen werden, haben z.B. Scheinwerfer, deren obere Kanten von innen nach außen abfallen (wie Augenbrauen in einem schematisierten „traurigen“ Gesicht).
Männlich: Schmale Scheinwerfer
Als „männlich“, „dominant“ etc. werden dagegen Autos empfunden, die z.B. eher schmale, weit voneinander entfernte Scheinwerfer oder einen großen Kühlergrill haben. Im restlichen Design von Autos gibt es Eigenschaften, die ähnlich eindeutig zugeordnet werden: Je größer die Windschutzscheibe im Vergleich zum gesamten Auto ist, umso eher wird es als „kindlich“ gesehen, wahrscheinlich weil Kinder im Verhältnis zum Körper größere Köpfe haben. Überraschenderweise sind just die Autos, die „männlich“ wirken und „Macht“ ausstrahlen, am beliebtesten – und zwar bei Männern und Frauen. Das legt nahe, dass vor allem Männer ein Auto weniger als potenzielles Gegenüber sehen, sondern eher als Verkörperung ihres idealen Selbst.
Im Sinn des von Richard Dawkins geprägten Konzepts könnte man ein Auto als „extended phenotype“ betrachten. Damit meinte Dawkins, dass man manche gar nicht zum Körper gehörende Attribute eines Individuums zu seinem Phänotyp zählen darf, z.B. wenn sie für seine sexuelle Attraktivität wichtig sind. Ein Beispiel sind die Laubenvögel, deren Männchen schmucke Gebäude errichten, die nur dazu dienen, Weibchen zu beeindrucken. Aber auch der Damm eines Bibers ist für ihn so wichtig (und wird indirekt von seinen Genen bestimmt), dass man ihn zum „extended phenotype“ zählen kann. Warum nicht auch das Auto?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2008)