Der frühere britische Europa-Staatssekretär MacShane über die Labour-Krise, die EU und Populismus.
Die Presse: Der Labour-Parteitag steht im Zeichen der Geschlossenheit hinter Gordon Brown. Ist die Führungsfrage damit geklärt?
Denis MacShane: Für diese Woche. Aber was uns gelingen muss, ist eine Änderung der öffentlichen Wahrnehmung, Labour muss wieder die Herzen der Menschen gewinnen, denn die Bürger werden letztlich das Urteil sprechen.
Ist Brown der richtige Mann an der Spitze des Landes und der Partei?
MacShane: Er ist sicherlich der erfahrenste. Er ist der erfolgreichste Finanzminister Europas der letzten Dekade. Wenn Tony Blair unser Willy Brandt war, dann ist Brown unser Helmut Schmidt. Aber Führung bedarf heutzutage auch gewisser populärer und manchmal auch populistischer Züge. Und Brown macht nicht auf Populismus.
Was muss Brown machen?
MacShane: Das ist nicht nur die Frage für einen Mann, diese Frage muss sich das ganze Kabinett stellen. Ich erinnere an das Schicksal meines Freundes Alfred Gusenbauer. Dass jemand die richtige Person in einer Funktion ist, heißt noch lange nicht, dass er auch in einer anderen Position richtig ist. Brown hat den Intellekt, die Vision und die Führungskraft, um ein großer Premier zu sein. Aber in den vergangenen Monaten hat er diese Gaben nicht in einer Art vereinen können, die das Volk von seinen Fähigkeiten überzeugen konnte. Er weiß besser als jeder andere, dass wir Resultate liefern müssen, denn wir liegen in Umfragen nicht umsonst 20 Prozentpunkte hinter den Konservativen.
Kann Labour die nächsten Wahlen überhaupt noch gewinnen?
MacShane: Natürlich. Was wir jetzt sehen, sind Beliebtheitswerte, und keine Regierung kann erwarten, nach elf Jahren so beliebt zu sein wie beim Amtsantritt.
Ist Außenminister David Miliband ein Herausforderer von Brown?
MacShane: Er ist eine der herausragenden intellektuellen Persönlichkeiten der modernen Sozialdemokratie. Er ist der Star in der jetzigen Regierung. Es gibt aber großen Willen aller, dass Brown Erfolg hat. Leider steht unsere Partei derzeit wie ein Exekutionskommando im Kreis und wir feuern alle aufeinander, statt auf den Gegner zu schießen.
Es heißt, Miliband sei wesentlich proeuropäischer als Brown?
MacShane: Das würde ich nicht so sagen. Brown hat eine prinzipielle Entscheidung getroffen, die Ratifizierung des Lissabon-Vertrags durchzuhalten und nicht dem Boulevard und den Konservativen für eine Populismusschlacht zum Fraß hinzuwerfen. Was ich so aus der SPÖ höre, ist ja verrückt!
Bedeutet der Verlauf des Parteitags eine Gnadenfrist für Brown?
MacShane: Ein Parteitag ist wie chinesisch essen gehen: Erst stopft man sich voll, nach zwei Stunden hat man wieder Hunger. rei
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2008)