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Brain Drain und Brain Gain auf Österreichisch

Eine verschleppte vernünftige Regelung von Migration und Integration schlägt sich nieder in einer Technologiepolitik, die zunehmende Probleme bekommen wird, entsprechend ausgebildete Arbeitskräfte zu mobilisieren.

Der Wahlkampf ist bislang von gröberen Ausfällen gegenüber Ausländern verschont geblieben, zumindest relativ zu den vorhergehenden Wahlkämpfen. Allerdings hat sich eine populistisch-restriktive Haltung zu Migrations- und Integrationsfragen mittlerweile in beinahe allen Parteien breitgemacht. So gesehen ist die Inflationsdiskussion als Ablenkung von einem „Ausländerwahlkampf“ beinahe ein Glücksfall, wenngleich sie den Blick auf die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft verstellt.

Langfristig wird die Wettbewerbsfähigkeit von der Entwicklung der Produktivität bestimmt, wobei diese wiederum vor allem durch technischen Fortschritt und Innovationen nachhaltig gesteigert werden kann. Über die Frage, wie man aber Innovationen und technischen Fortschritt fördern könnte (Technologiepolitik) und dies gleichzeitig auch sozial nachhaltig gestaltet, wird leider kaum diskutiert.

Die entscheidende Pointe liegt nun darin, dass Technologie-, Migrations- und Integrationspolitik eng miteinander verbunden sind. Das besondere österreichische Element in diesem Politikmix ist die Widersprüchlichkeit und Scharlatanerie, mit der hier agiert wird. Eine seit Jahrzehnten verschleppte vernünftige Regelung von Migration und Integration schlägt sich nieder in einer Technologiepolitik, die zwar gerne über Hochtechnologie redet, aber zunehmend Probleme bekommen wird, entsprechend ausgebildete Arbeitskräfte zu mobilisieren.


Flaschenhals bei Hochtechnologie

Einstweilen ist Österreich an einem Wendepunkt der wirtschaftlichen Entwicklung angelangt: Es gilt wegzukommen von bloßer Adaption ausländischer Technologie (was jahrzehntelang hervorragend funktionierte und den Aufholprozess Österreichs ermöglichte) und stattdessen eigenständige Innovationen hervorzubringen. Dies verlangt nicht zuletzt die zunehmende Konkurrenz im Bereich des mittleren Technologieniveaus, in dem Österreich bislang so erfolgreich agierte: Neben den neuen mittelosteuropäischen EU-Mitgliedstaaten sind es vor allem Indien und China, die schnelle Fortschritte im Technologieniveau machen.

Hochtechnologie verlangt aber andere Arbeitskräfte als avancierte Mitteltechnologie, es sind vermehrt UniversitätsabsolventInnen gefragt, insbesondere in den technisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen. Diese sind aber bekanntermaßen relativ knapp in Österreich, die Anzahl an Unternehmen, die Stellen in diesem Bereich nicht besetzen können, steigt. Im Jahr 2006 lag der Anteil von Beschäftigten in Wissenschaft und Technologie an den Erwerbstätigen insgesamt mit 38,3% unter dem Durchschnitt der EU-27(!), in Schweden betrug der Anteil 48% und in der Schweiz 51%.

Wie kann man diesen Flaschenhals aber verhindern, anders gesagt, wie können die grundsätzlich vorhandenen Wachstumschancen auch tatsächlich genützt werden?


Österreich verschleudert seine Talente

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man versucht, innerhalb eines Staates entsprechendes Personal auszubilden, oder es wird versucht, ausländische Arbeitskräfte anzuwerben. Die Heranbildung von talentierten Wissenschaftlern und Technikern in Österreich erweist sich als schwierig. Erstens trägt ein hoch selektives Bildungssystem dazu bei, dass weniger die Begabung der Kinder als vielmehr das Einkommen und die Bildung der Eltern über die Bildungskarriere des Kindes entscheiden. Dieses Faktum wirkt sich entsprechend vor allem auf die Kinder von Familien mit Migrationshintergrund aus. Mangelnde Sprachförderung und mangelnde Förderangebote verhindern eine Ausschöpfung der Begabungsreserven und tragen zu einem Mangel an adäquat ausgebildeten Arbeitskräften bei. Besonders zu denken gibt die deutliche Überrepräsentation von ausländischen Schülern in Sonderschulen im Vergleich zu inländischen Schülern.

Zweitens zeichnet sich Österreich durch eine weitere Verschleuderung seiner Talente aus: 39% der Immigranten arbeiten in einem Job, der weit unter ihrem eigentlichen Qualifikationsniveau liegt. Österreich zeigt damit eine der höchsten Raten in der Verschwendung von Qualifikationen in der OECD. Last but not least ist aber auch ein hohes Niveau in den Bildungsabschlüssen kein Garant für ein entsprechendes Arbeitsangebot am heimischen Arbeitsmarkt. Talentierte Forscher ziehen es gerne vor, ihre Karriere in den USA oder Kanada zu machen, anstatt in den heimischen, notorisch unterfinanzierten Universitäten an knappen Ressourcen und bürokratischem Ballast leiden zu müssen.

Die zweite Möglichkeit besteht darin, ausländische Wissenschaftler und Techniker nach Österreich zu locken. Dies funktioniert in den USA bislang äußerst erfolgreich, der Ökonom Giovanni Peri spricht von einer „Immigrationsökonomie“, und die Soziologin AnnaLee Saxenian hat dies eindrucksvoll mit Studien zum Technologiezentrum der Welt Silicon Valley untermauert: Mehr als ein Drittel der dort beschäftigten hoch qualifizierten Arbeitskräfte wurde im Ausland geboren.


Hochqualifizierte bleiben dem Land fern

In Österreich zeigt sich eine gänzlich andere Situation. Tendenziell leidet Österreich eher unter einem Brain Drain, also einer Abwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte, und kann aber gleichzeitig keinen Brain Gain erzielen, also eine substanzielle Zuwanderung von Hochqualifizierten. Ein wichtiger Grund dafür liegt in der Wahrnehmung Österreichs als ein Land mit negativem Image beim Thema Zuwanderung und Integration. Obwohl also die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Forscher in den letzten Jahren deutlich verbessert wurden, wirkt sich die fragwürdige Rechtslage und Praxis im Bereich anderer Immigrantengruppen auch auf die Bereitschaft von Hochqualifizierten aus, nach Österreich zu kommen. Diese Gruppe reagiert tendenziell sehr sensibel gegenüber ausländerfeindlichen Tendenzen und einem mangelnden, offenen und multikulturellen wissenschaftlichen Umfeld.

Vor einigen Jahren hat Richard Florida, ein amerikanischer Ökonom, ein Buch mit dem Titel „The Rise of the Creative Class“ veröffentlicht. Eine seiner wichtigsten Thesen darin ist, dass hoch qualifizierte Arbeitskräfte von einem offenen und multikulturellen Klima in Städten angezogen werden. Technologiemilliarden und groß angekündigte Rückholprogramme von österreichischen Forschern im Ausland werden bei gleichzeitig restriktiver und willkürlicher Migrations- und Integrationspolitik keine Erfolge bringen. Dieser ungelöste Widerspruch könnte das so dringend benötigte Wachstum in den nächsten Jahren weiter beeinträchtigen.

Ängste über ein sinkendes Lohnniveau durch Zuwanderung sind bei einem Zuzug von Technikern und Forschern unbegründet. Im Gegenteil: Ein Hochqualifizierter beschäftigt in der Regel mehrere Niedrigqualifizierte. Deshalb steigt die Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskräften und mithin deren Einkommen. Bis auf jene Gruppe am Arbeitsmarkt, die in unmittelbarer Konkurrenz zu den Hochqualifizierten steht (und das sind nicht viele), werden tendenziell alle besser gestellt.

Mag. Christian Reiner ist Forschungsassistent am Institut für Regional- und Umweltwirtschaft an der WU Wien. Mitarbeit am EU-Projekt DYNREG, das sich u.a. mit der Mobilität von Hochqualifizierten beschäftigt.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2008)