Die britische Band Coldplay in der Wiener Stadthalle: Songs, die das Leben loben. So abstrakt, dass alle, alle mitjubeln können.
Es ist leicht – zu leicht! –, depressive, düstere Songs zu schreiben. Es ist sehr schwer, lebensbejahende, lichte Songs zu schreiben, die nicht platt oder peinlich sind. Coldplay, vier Akademiker aus London, können das, dafür muss man sie schätzen. Bei allen möglichen Einwänden. Kitschalarm usw. Aber wer hat je so glaubhaft und so völlig unironisch dem Reich des Todes widersprochen? Der walisische Dichter Dylan Thomas („And Death Shall Have No Dominion“), mit mehr Worten und ohne Gitarren, okay. Aber nicht vor einer mit Tausenden glücklich Mitsingenden gefüllten Halle.
Spannungsarchitektur nach Enos Rezept
„Death and All His Friends“, knapp vor Schluss des von Beginn an innig umjubelten Konzerts, war einer der Höhepunkte: eine Beschwörung, eine Hymne, aber mit Zwischentönen. Wie sie Coldplay auf ihrem vierten Album „Viva la Vida“ zu arrangieren gelernt haben – unter Anleitung von Brian Eno, jenem Klangmeister, der schon einer anderen höchst erfolgreichen Band beigebracht hat, wie man das Pathos des/der Guten orchestriert.
Die Rede ist natürlich von der irischen Großrockband U2, an die Coldplay stark erinnern, in ihrem bubenhaften Charme, in ihrem Hang zur großen Geste, mit ihrem Pfadfinder-Appeal, verstärkt durch die (etwas lächerlichen) paramilitärisch anmutenden Anzüge: Hier marschieren die, die guten Willens sind! Allerdings wirkt ihr Sänger Chris Martin bescheidener als Bono Vox – und wortkarger: Die Texte von Coldplay sind wie die von U2 oft verschwommen bis verblasen, aber knapper. Kurze Slogans, die auf den Melodien reiten wie ein Surfer auf seiner Welle. Im älteren Song „Politik“ etwa (der selbstverständlich nicht über Politik, höchstens über die der Liebe handelt): Mit welcher Euphorie Martin hier den Refrain „Open up your eyes“ in die Welt ruft!
Auch dieser Song hat im Vergleich zum Original an Tiefe gewonnen: Die einst allzu schülerhaften Arrangements sind wilder, unberechenbarer geworden, das auf so ziemlich alle Instrumente gelegte Echo tut das Seine, das penetrante Klavier haben sie zurückgedrängt. Coldplay haben offenbar auch gelernt, dass man nicht bei einem Konzert sein ganzes Repertoire vorführen muss, wie sie es früher gern taten, dass man besser das Krautfleckerl-Rezept der Tante Jolesch variiert und nie genug macht.
Kurz: Eine Spannungsarchitektur, wie sie einige Songs von „Viva la vida“ so unwiderstehlich macht, durchzog auch das gesamte Konzert. Schon vor Beginn: sanft pochende Ambient-Musik, die sich fast quälend steigerte, dann ein kurzer, schwerer Rap, dann der Donauwalzer. Zu dem sich nicht nur Paare im Publikum drehten, sondern auch eine blaue Kugel in der Mitte der Halle. Auf die dann das Gemälde von Eugène Delacroix („Die Freiheit führt das Volk“) projiziert wurde, das sie auf dem Cover mit dem Slogan „Viva la Vida“ überpinselt haben.
Diese Unbedarftheit, diese Sorglosigkeit, mit der Coldplay eine sehr konkrete, politische Vorstellung von Freiheit – das Bild stammt aus dem Frankreich des Jahres 1830 – auf einen reinen Gefühlszustand münzen, bleibt ärgerlich. Man verzieh ihnen das wie den anmaßenden Text des Titelsongs, bestochen durch die Intensität, mit der hier vier Männer auf ihre Gefühle pochen. Die abstrakt bleiben. Und genau deshalb eine große Menge von Individuen zugleich begeistern können. Jeder hat andere Sehnsüchte, Sehnsüchte hat jeder. Das ist das Erfolgsrezept von Coldplay. Es wird funktionieren, bis sie irgendwann die Ironie entdecken. Die wird ihnen nicht stehen.
("Die Presse" Printversion vom 26. September 2008)