„Mit den 700 Milliarden ließe sich die Armut beenden“

Kritische Töne zur US-Finanzkrise bei UN-Gipfel.

NEW YORK(ag.). Der drohende Kollaps des US-Finanzsystems und die vom Weißen Haus geplante gigantische Rettungsaktion für die Finanzmärkte beschäftigt die Tagung der UN-Vollversammlung. Viele Politiker geißelten die „Auswüchse des kapitalistischen Systems“, nicht wenige verknüpften das mit einer mehr oder weniger direkten Kritik an den USA selbst.

Vor allem aus lateinamerikanischen Staaten kam Kritik: Brasiliens Präsident Lula will Finanzspekulationen beschränken, für Paraguays Staatschef Fernando Lugo sind „unmoralische Spekulationen“ schuld. Die Staatschefs von Chile und Honduras, Michelle Bachelet und Manuel Zelaya, meinten, dass man mit den 700 Milliarden Dollar, die das Weiße Haus in den Rettungsplan investieren will, die Armut in weiten Teilen der Welt beenden könne. Weltbank-Präsident Robert Zoellick (ein Amerikaner) sagte indes, die Finanzkrise könnte die Dritte Welt in den Abgrund stürzen.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy will einen Krisengipfel für November, um einen „regulierten Kapitalismus“ aufzubauen; im Übrigen müssten die Schuldigen an dem Desaster bestraft werden. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer meinte am Rand des Gipfels, mit dem Crash der Finanzmärkte sei der „neoliberale Finanzkapitalismus“ am Ende; dabei sei einem jahrelang eingeredet worden, der Markt reguliere sich von selbst.

Spott über Amerika

Bereits UN-Chef Ban Ki-Moon hatte zu Beginn der Tagung eine „weltweite Kraftanstrengung zur Neuordnung des Finanzsystems“ gefordert. Und: „Wir brauchen ein neues Verständnis von Ethik und Verantwortung in der Wirtschaft, mit weniger unkritischem Glauben an die ,Magie‘ des Marktes.“

Hugo Chávez (Venezuela) und Mahmoud Ahmadinejad (Iran) spotteten am lautesten: Das „US-Imperium“ sei sichtlich am Ende.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2008)

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