Thomas Hofer: "Es gab weniger offenes Negative-Campaigning"

Thomas Hofer
Thomas HoferPhilipp Splechtna
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Am Tag nach der Elefantenrunde analysierte Politikberater Thomas Hofer im DiePresse.com-Chat den Wahlkampf der Parteien und deren Chancen am Wahltag. Hier finden Sie den Chat zum Nachlesen.

  • 14:01 Thomas HoferIch freu mich auf den Chat und hoffe auf eine rege Diskussion!
  • 14:05 DiePresse.com.ModeratorHerr Hofer, wie wird die Wahl am Sonntag ausgehen.
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    In den letzten Umfragen liegt die SPÖ noch immer etwa zwei Prozentpunkte vor der ÖVP, wobei letztere angesichts von ca. zehn Prozent wirklich Unentschlossenen noch immer auf einen Last-Minute-Swing hoffen darf. Die FPÖ liegt gut bei 17 bis 18, die Grünen scheinen eher auf ihrem letzten Wahlergebnis zu stagnieren. Das BZÖ könnte sich sogar mehr als verdoppeln und für die Liberalen wird es schwierig. Fritz Dinkhauser scheint keine Chance mehr zu haben.
  • 14:08 konrad_wKönnen Sie den Wahlkampf 08 mit dem 06er vergleichen? Gibt es viele Unterschiede? War dieser "fairer"?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Es gab tatsächlich weniger offenes Negative-Campaigning. Der Grund dafür war einerseits die Ablehnung des Politik-Streits in der letzten Koalition. Da haben sich die Parteien zu distanzieren versucht. Aber natürlich gab es trotzdem einen Negativ-Wahlkampf. Die ÖVP hat den relativ offen gespielt, die SPÖ den ihren auf befreundete Medien ausgelagert, was strategisch klug ist. Zu vergessen auch nicht die Grünen, die geschickt eine Abwanderung zum LIF stoppen wollten.
  • 14:10 OphicusDas größte Novum dieses Wahlkampfes war wohl der Beschluss von Wahlversprechen schon vor der Wahl. War das sinnvoll/effektiv/wegweisend?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Das war ein Novum, keine Frage. Faymann konnte da sehr effizient der größten Schwäche der SPÖ unter Gusenbauer entgegensteuern und das Negativ-Symbol Studiengebühren hinter sich lassen. Wenn das große über dem Wahlkampf schwebende Thema die mangelnde Glaubwürdigkeit ist, können Beschlüsse vor der Wahl strategisch schon sinnvoll sein. Da bewerte ich aber noch nicht das Faktum, ob es dem Parlamentarismus gut getan hat.
  • 14:12 hannsibWer sind die "Gewinner" und wer die "Verlierer" des Wahlkampfs 2008?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Letztgültig können wir das natürlich erst am Sonntag beurteilen. Was man beurteilen kann, ist die Professionalität der Wahlkämpfe. Da haben SPÖ und BZÖ ihr Potenzial maximal angesprochen und ausgenutzt, während ÖVP und Grüne hinter ihren Möglichkeiten geblieben sind. Die FPÖ hat ihr Niveau der letzten Wahlgänge gehalten und die erwartbare Kampagne gefahren.
  • 14:15 konrad_wWas wird die wahrscheinlichste Koalition werden? Eine große? Schwarz-blau? Oder sogar eine 3er?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Vieles hängt natürlich davon ab, ob das LIF den Einzug schafft oder nicht. Das wahrscheinlichste für mich ist eine große Koalition, wobei auch da natürlich die personelle Aufstellung schwierig wird. Aber über Rot-Blau kann sich die SPÖ nicht drübertrauen, da ist höchstens die Stützung einer roten Minderheitsregierung denkbar. Schwarz-Blau-Orange geht sich zwar rechnerisch natürlich aus, ich würde aber Heinz-Christian Strache nicht unterschätzen. Ich glaube er würde eine solche Koalition nicht wollen.
  • 14:17 herr_nationalratwie beurteilen sie die von vielen seiten kritisierte kampagne der övp? war sie wirklich so schlecht wie dargestellt? hat man sich bei der övp vielleicht zu sehr auf den vorsprung in den umfragen anfang juli verlassen?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Einige haben sicher geglaubt, dass das "Es reicht" wirklich reicht. Angesichts der Themenlage, die einfach soziale Probleme in den Vordergrund gestellt hat, war das immer eine kühne Hoffnung. Ich glaube, dass die ÖVP der effektiven Positionierung Faymanns zu spät entgegengetreten ist und ihre eigene Kernbotschaft viel zu spät ins Rennen gebracht hat. Insofern hat die ÖVP das Momentum, das sie Anfang Juli mit der Koalitionsaufkündigung hatte, nicht genug weitergezogen.
  • 14:21 konrad_wSehen Sie es als "gefährlich" für Österreich, wenn Medien - mit einer großen Auflage wie die Krone - sich politisch offen und klar positionieren?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    International sind solche "Endorsements" eigentlich nichts Ungewöhnliches. Massiv war aber natürlich das Pushen Faymanns im redaktionellen Teil. Das wirklich Auffällige im Vergleich zu anderen Ländern ist aber die Marktdominanz der "Krone". Allein aus dem Grund wird sich ihre Unterstützung für die SPÖ wohl auch im Wahlergebnis niederschlagen. Fazit: Ich halte es für grundsätzlich legitim, wenn eine Zeitung das macht, allerdings ist die eigenartige Aufstellung des österreichischen Medienmarktes wieder einmal offenbar geworden.
  • 14:24 VizekönigPleitegeierWas hat Fritz Dinkhauser in diesem Wahlkampf falsch gemacht?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Sein Kapital-Fehler war, dass er Österreich mit Tirol verwechselt hat. Das Wiener Parkett ist eben anders. Wenn er doch in den Nationalrat kommt, sollten Leute wie ich unser Business einstellen. Denn wenn man ohne finanzielle und personelle Ressourcen und überhaupt eine klare Strategie und zielgruppenorientierte Botschaften reüssiert, erübrigt sich jedes professionelle Wahlkampf-Management. Fritz Dinkhauser hat keinen Wahlkampf gemacht, deswegen kommt er wohl auch nicht in den Nationalrat.
  • 14:26 OphicusEntsprechend die Themen die von den Parteien am meisten behandelt wurden den Themen, für die sich die Wähler besonders interessieren?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Die Teuerung war sicher auch bei den Wählern weit oben auf der To-Do-Liste. Allerdings sind andere zentrale Themen wie die Gesundheit, die Sicherheit oder die Bildung unter den Tisch gefallen. Insofern kann man fast von einem monothematischen Wahlkampf sprechen. Das ist aber primär die Schuld der Parteien, weil sie eben andere Themen nicht hochgezogen haben. Die SPÖ war sehr geschickt, ihre soziale Kernkompetenz mit einem neuen Gesicht ins Zentrum zu stellen.
  • 14:31 bbgenHerr Hofer, wie beurteilen Sie die Motivation der Wahlkamphelfer in diesem sehr umstrittenen Wahlkampf. Vor allem in Bezug darauf, dass manche Spitzenkandidaten sogar unter den eigenen Leuten sehr unbeliebt sind.
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Natürlich kommt es gerade in einem Wahlkampf, in dem die beiden Großparteien auf unter 30 Prozent abzurutschen drohen, darauf an, dass man vor allem die eigenen Leute mobilisiert. Auch da ist es der SPÖ sehr schnell gelungen, nach dem desaströsen Obmann-Schlachten im Juni die Reihen wieder zu schließen. In der ÖVP hat das länger gedauert, aber ich glaube, dass gerade die intern gescholtene niederösterreichische ÖVP da jetzt auch stark rennt. In Oberösterreich scheint der Frust aber noch sehr groß zu sein. Ob es reicht, wird sich am Sonntag zeigen. Generell zum Spitzenkandidaten: Ich warne davor, den als einziges Wahl- oder auch Funktionärs-Motiv zu sehen. Er ist ein Faktor unter vielen, war in den vergangenen Wahlkämpfen aber nur selten das Hauptwahlmotiv. Ein Beispiel: Alfred Gusenbauer war 2006 nur für acht Prozent der SPÖ-Wähler ein Motiv. Die Wahl hat er trotzdem gewonnen.
  • 14:32 TekknotronicWie stark hat die Affäre "Zach" dem LIF geschadet?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Die Causa hat ganz sicher geschadet und die Chancen auf einen Einzug in den Nationalrat geschmälert. Allerdings: Das Krisen-Management hat funktioniert und Heide Schmidt hat versucht, aus der Not eine Tugend zu machen. Rücktritte sind in der politischen Landschaft Österreichs ja eher ungewöhnlich.
  • 14:34 LUPOEin immer größer werdendes Problem ist die innere Stabilität der Parteien, wie sehen Sie diesen Zustand?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Es wird in Zukunft immer schwieriger werden, echte Volksparteien zu managen. Das zeigt sich seit einigen Wahlkämpfen, dass diese einfach zu viele unterschiedliche Zielgruppen bedienen müssen. Da ist dann klar, dass intern Fliehkräfte zum Tragen kommen. Die Diskussion um ein Mehrheitswahlrecht verwundert auch vor dem Hintergrund nicht wirklich.
  • 14:36 JediKnight83hat den gruenen die aufstellung des tieraktivisten geschadet?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Ich halte das für eines der spektakulärsten Eigentore der jüngeren Kampagnen-Geschichte. Man hat eine kleine, ohnehin schon mobilisierte Gruppe angesprochen und den nicht unerheblichen Anteil an bürgerlichen Grünen vor den Kopf gestoßen. Aber auch die Grünen haben gutes Krisen-Management bewiesen, indem sie in der Causa Zach in die Offensive gegangen sind und so den Kampf um dieses Potenzial wieder aufgenommen haben.
  • 14:40 julesGlauben sie das eine neuerliche auflage von rot / schwarz funktionieren würde, und wenn ja mit welchen kanzler?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Sie würde inhaltlich nur dann funktionieren, wenn man glaubhaft "neu regiert". Wie funktioniert das? Entweder man teilt den Koalitionspartnern klar unterschiedliche Ressorts zu, etwa der SPÖ alles Soziale, der ÖVP alles was mit Sicherheit zu tun hat. Oder man definiert jeweils fünf Großprojekte, die nur von der einen Partei verkauft werden. Damit vermeidet man Streit und kommt wieder in einen Wettbewerb mit den Oppositionsparteien. Aber natürlich wird eine Neuauflage sehr schwierig. Wenn die SPÖ am Sonntag vorne liegt, ist Faymann Kanzler. Dann ist die große Frage, was mit der ÖVP passiert. Gewinnt die ÖVP und gibt es dennoch eine Große Koalition, hat Faymann kein Problem als Vizekanzler in die Regierung zu gehen. Denn er kann immer sagen, dass er die Partei nach der Gusenbauer-Ära zumindest wieder stabilisiert hat.
  • 14:43 hannsibBei den Wahlen 2006 hat die SPÖ mit ihrem 1. Platz alle überrascht. Welche Partei könnte diesmal entgegen allen Meinungsumfragen überaschen?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Weil die SPÖ konstant knapp vor der ÖVP liegt, wäre sicher Platz Eins für die ÖVP ein Knüller. Und bei der Schwankungsbreite und der Zahl der Unentschlossenen ist das nicht völlig auszuschließen. Mit der SPÖ hat 2006 ja auch keiner gerechnet. Die Themen-Konjunktur hat zuletzt in Richtung ÖVP ausgeschlagen, ich glaube aber, dass das etwas zu spät war. Die Überraschung des Abends könnte so das BZÖ sein, denn Jörg Haider hat mit dieser Regional-Partei einen ausgezeichneten Wahlkampf gemacht.
  • 14:45 flutschwas war der größte fehler, den eine partei in diesem wahlkampf begangen hat?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Jede Partei macht in einem Wahlkampf Fehler. Die SPÖ hätte sich die Mehrwertsteuersenkung sparen und stattdessen auf eine Lohnsteuersenkung setzen können. Die Grünen hätten auf den Tierrechtler verzichten können etc. Dennoch war für mich von der Grundanlage des Wahlkampfs her das überraschendste Moment, dass die ÖVP nicht von Anfang an offensiver war. Das hat der SPÖ Raum gegeben, sich selbst in die Pole-Position zu hieven.
  • 14:47 konrad_wGlauben Sie, dass die Abschaffung der Studiengebühren in irgendeiner Weise den Wahlausgang beeinflusst? Ich habe auf den Unis den Eindruck gehabt, dass sich viele StudentInnen damit bereits abgefunden haben, sie sogar als sinnvoll erachtet haben.
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Sie werden die Wahl sicher nicht entscheiden. Allerdings glaube ich schon, dass es effektive Zielgruppenkommunikation war. Wichtiger war aber die symbolische Ebene, denn die gebrochenen Wahlversprechen Gusenbauers hat man vor allem mit den Abfangjägern und den Studiengebühren assoziiert. Faymann hat eines dieser Symbole nun gekillt und das ist aus Sicht der SPÖ sicher nicht schlecht.
  • 14:50 OphicusDiverse Koalitionen wurden ja schon im Wahlkampf vehement ausgeschlossen. Ohne "Umfaller" eine Koalition zu bilden wird daher recht schwierig. Goutiert es wenigstens der Wähler?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Lagerwahlkämpfe sind in Österreich insgesamt ungewöhnlich. Aber natürlich war es in der jüngeren Wahlgeschichte in Österreich nach der Wahl nicht immer so wie es in den Ankündigungen davor geklungen hat. Wenn sie auf Rot-Blau anspielen, glaube ich allerdings, dass Faymann wirklich nicht drüberspringen kann, weil es sonst die Partei zerreisst. Was im äußersten Fall möglich wäre, ist nach drei Monaten Stillstand bei der Regierungsbildung eine von blau gestützte rote Minderheitsregierung.
  • 14:53 julesWie sehen sie die chancen, dass eine künftige Regierung ein mehrheitswahlrecht beschließt, um endlich eindeutigere Verhältnisse zu schaffen, somit wäre es ja auch vielleicht wieder möglich eine ganze legislaturperiode durchzustehen.
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Dieses Window of Opportunity ist mit der abtretenden Bundesregierung wieder zu. Sie brauchen dazu eine Zwei-Drittel-Mehrheit und keine "kleinere" Partei wird ihr Todesurteil unterschreiben und den zwei großen dabei helfen, mit einem Mehrheitswahlrecht wieder zu wachsen. Denn eines ist klar: Ein sogenanntes "minderheitsfreundliches Mehrheitswahlrecht" existiert nicht wirklich.
  • 14:56 anna89Wir steuern wieder auf eine unselige Koaliton zu - egal wer mit wem. Reibungsverluste sind vorprogrammiert, genauso wie Beschlussschacherei. Wie stehen Sie zum Mehrheitswahlrecht?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Ich schließe an der vorigen Frage an: Ich würde mir ein stärker persönlichkeitsorientiertes Wahlrecht wünschen, bei dem der Klubzwang in den Hintergrund tritt. Das würde auch die Politikverdrossenheit bekämpfen. Ein reines Mehrheitswahlrecht ohne diesen Persönlichkeitsfaktor löst die Probleme nicht. Spannend wäre allenfalls folgende Variante: Die stärkste Partei bekommt 50 Prozent der Sitze MINUS einen. Dann ist man zu einer Koalition gezwungen, kann sich aber aussuchen, mit wem.
  • 14:58 JediKnight83kommt es fuer sie ueberaschend, dass haider seine image probleme (bin hier - bin weg) ueberwunden hat? Ist er zu wenig angegriffen worden oder ist das kurzzeitgedaechniss bei politik immer so scwhach ausgpraegt?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Gute Frage. Ich war erstaunt, dass er es wirklich geschafft hat, sich zum fünften oder sechsten Mal neu zu erfinden. Da haben ihn die anderen sicherlich zu wenig in die Mangel genommen. Aber man darf auch nicht sein Kommunikations-Talent unterschätzen. Er hat in vielen Phasen seine zentralen Wahlkampf-Punkte ausgezeichnet unter die Leute gebracht.
  • 15:02 nocEntspricht es wirklich dem Wählerwillen, dass eine große Koalition gebildet wird, nur weil keine andere (Zweier-)Koalition eine Mehrheit im NR hat?
  • ANTWORT VON Thomas Hofer:
    Das Interessante ist: Keine Koalitionsform ist derzeit beliebt. Und ich bin mir in punkto Wählerwille auch nicht so sicher. Weil wir eben keine Lagerwahlkämpfe führen, weiß ich nicht, woran wir den Wählerwillen ablesen können. Alles über 50 Prozent der Mandate ist legitimiert. Aber sie haben schon recht: Eine Große Koalition, in der beide massiv verlieren, macht in der Öffentlichkeit keinen schlanken Fuß. Da ist man dann bald beim Spin der "Koalition der Verlierer". Hier müssten sich dann SPÖ und ÖVP eben inhaltlich und thematisch neu aufstellen.
  • 15:03 DiePresse.com.ModeratorVielen Dank an Thomas Hofer, dass er sich für unseren Abschlusschat Zeit genommen hat. Damit enden unsere Wahlchats. Danke auch an unsere Leser, die sich so aktiv beteiligt haben.
  • 15:04 Thomas HoferIch bedanke mich vielmals für die tolle Diskussion.

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