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Sputnik und das Erdgefährt

Gagarin und die Folgen: eine (sur)reale UdSSR-Geschichte.

Obsessionen nennt der Sonderzahl Verlag eine neue Buchreihe und hat mit Walter Famler, dem Herausgeber der Zeitschrift „Wespennest“, einen geeigneten Prototyp gefunden. Was besticht, ist die listige Komposition, die Verbindung von Projekt und Buch, die Mischung aus Ironie und Nostalgie.

Im Herbst 1997 wurde Famler Zeuge der Zerstörung einer Weltraumausstellung, was ihn dazu bewog, die Bewegung Kosmos/Gruppe Gagarin zu gründen, deren Kommandant er seither ist. Das sind die Elemente einer raffinierten Erzählführung. Dann gibt es da noch – in ironischer Umkehr zur Raumfahrt – einen 500er Steyr Puch, einen der erfolgreichsten Kleinwagen der Nachkriegszeit. In 18 Tagen überwinden Famler und seine Crew (der Maler Josef Schützenhöfer, der Kameramann Christian Reiser und Herwig Höller) mit W-OSTOK 1 von Wien nach Gagarin und zurück 5700 Kilometer. Wobei das Gefährt tadellos funktionierte. Welch ein Triumph der Technik anno 1957 – der Sputnik und das kleine Erdgefährt!

Die fotografischen Fundstücke bilden das Herzstück eines Buches, das nicht nur im Format wie ein Kinderbuch wirkt. Von Wien über Lemberg, Kiew, Kaluga, Gagarin, Minsk und Warschau führt diese Reise, die das Buch dokumentiert: Plakate, Büsten und Bilder des ersten Raumfahrers, technische Anlagen, junge Frauen, Weggefährten Gagarins. Auch ein Konterfei des Gewinners des Juri-Gagarin-Ähnlichkeitswettbewerbs 2007 darf nicht fehlen – welch hübsche Groteske! Freundliche Gesichter, elende Straßen, trostlose Architektur aus dem realen Post-Sozialismus im Jahre 2007.

Der rote Austro-Fiat als Erinnerungssonde, die uns in eine Geschichte taucht, die peripher und zentral zugleich ist. Die Welt des russischen Sozialismus kontrastiert augenfällig mit der Figur des 1934 in einem russischen Provinznest geborenen Gagarin, des ersten Raumfahrers, der 1968 bei einem mysteriösen Flugzeugunglück ums Leben kam. Gagarin war Sinnbild für den Gleichklang von Fortschritt, Technik und Sozialismus und zugleich eine Figur, die sich – in den Zeiten des Kalten Krieges – einer bemerkenswerten Sympathie im Westen erfreute. In sanftem Machismo wird als Ziel der Gruppe formuliert, „das Lächeln des Juri Gagarin massenhaft und weltweit in die Antlitze der Frauen zu zaubern“. Insofern war der Weltraummythos, der ohne seine Person undenkbar wäre, Herzstück des untergegangenen Reiches.

Famlers Expedition, nostalgisch und hintergründig, nie aber sentimental, leistet eine verschmitzte Arbeit am Mythos. Gagarin war der beliebteste Held der Sowjetunion, einer der ganz wenigen echten, und zugleich jemand, der gerade deshalb aus diesem pathetischen Protz herausstach. Offenkundig macht das bis heute seinen Reiz aus.

Neben der Frage, was von den kollektiven Erinnerungsbeständen des Sozialismus bleibt, verweist der Band noch auf eine andere Notwendigkeit: sich kritisch mit jener vergangenen Zukunft auseinanderzusetzen, für die die Raumfahrt und sein größter Heros standen: dem Sozialismus. Dass der rote Steyr Puch sich vergleichsweise im Schneckentempo bewegt, mag man als Zugeständnis an die Nachdenklichkeit deuten. Der Charme des Kleinen und Langsamen im Kontrast zur großen Erzählung des Kommunismus. Ein subversives rotes Gefährt setzt am Roten Platz ein Zeichen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2008)