Rot und Grün schicken homosexuelle Kandidaten ins Rennen. Doch wen favorisiert diese Wählergruppe?
Wien. In der aktuellen Legislaturperiode war die Homo-Partnerschaft ein großes Thema, im Wahlkampf ging der Themenbereich hingegen unter. Trotzdem: Auch um die Stimmen der Schwulen und Lesben wird eifrig gebuhlt. Der Wahlkampf könnte sich lohnen: Zwischen fünf und zehn Prozent der Bevölkerung seien homosexuell, sagt Christian Högl, Obmann der Homosexuellen Initiative Hosi Wien und selbst SPÖ-Kandidat für die Nationalratswahl.
Doch was wählen Schwule und Lesben? Neben der SPÖ seien die Grünen in der Community tief verwurzelt, erzählt Högl. Liberalen-Chefin Heide Schmidt werde von den Schwulen „ikonenhaft verehrt“, bei den Lesben sei sie nicht so populär. Und: „Viele Schwule würden gerne ÖVP wählen“, sagt Högl. Denn zahlreiche Homosexuelle seien Geschäftsleute. Und manche würden trotz der nicht gerade schwulenfreundlichen Politik der Schwarzen ihr Kreuz bei der ÖVP machen. „Auch der Strache imponiert leider manchen“, berichtet Högl. Der FPÖ-Chef komme wegen seines Aussehens an. Auch Haider habe seine Anhänger: Das hänge auch mit den Gerüchten über Haiders Bisexualität zusammen, so Högl (der BZÖ-Chef hat diese stets bestritten). Und man dürfe nicht übersehen, dass es eine „nicht so kleine Ausländerfeindlichkeit“ bei Homosexuellen gebe, erklärt der SPÖ-Kandidat. So werde Moslems unterstellt, gegen Homosexuelle zu sein. Högls Conclusio: Das Wahlverhalten von Schwulen und Lesben weiche nicht sehr von dem anderer Bürger ab.
Ulrike Lunacek, lesbische Grün- Mandatarin, glaubt, dass ihr Einsatz von den homosexuellen Wählern honoriert wird „Wir haben sicher viel Zuspruch“, sagt sie. Es gebe fast täglich Veranstaltungen von den „Grünen andersrum“.
Extrageschenk für Lesben
Auch eigene Werbegeschenke werden verteilt: So bekommen lesbische Wählerinnen von den Grünen „Oralsafe“ geschenkt, das bei „Oral-Genital-Kontakten schützt“. Für Schwule gibt es Kondome samt Verpackungsspruch „Sicher wählen, sicher drinnen“. Lunacek sieht ihre Partei bei Homosexuellen auch deswegen gut im Rennen, weil die Partei bekennende Lesben und Schwule in Spitzenpositionen hat – etwa die Grazer Vizebürgermeisterin Lisa Rücker.
Högl will hingegen durch seinen Vorzugsstimmenwahlkampf der erste bekennende Schwule mit SPÖ-Nationalratsmandat werden. Auf Platz 39 ist er auf der Wiener Landesliste gereiht. Högl glaubt nicht, dass er genug Vorzugsstimmen für den Parlamentseinzug schafft. Aber – so seine Hoffnung – bereits bei einigen tausend Vorzugsstimmen würde die Partei hellhörig werden – und Högl könnte durch den Verzicht anderer Mandatare einen Sitz im Parlament bekommen. Im Nationalrat will sich Högl für eine Gleichstellung Homosexueller einsetzen. Er möchte dabei den Weg über ein eigenes Lebenspartnerschaftsgesetz gehen. Das klassische „verstaubte“ Eherecht möchte er nicht für die Schwulen und Lesben öffnen.
Die Grünen wollen hingegen das Eherecht eins zu eins für Schwule und Lesben öffnen. Daneben will man eine Art Ehe-light, den Zivilpakt, einführen. Dieser soll Homo- und Heterosexuellen offenstehen. Das Liberale Forum fordert schlicht eine völlige rechtliche Gleichstellung für Homosexuelle.
Geheime Homosexuelle in ÖVP
Die anderen Parteien starten keine Versuche, um homosexuelle Stimmen zu lukrieren. In der ÖVP gab es einmal die Initiative „Stark. Schwarz. Schwul“, doch diese ist entschlafen. Auch die im ÖVP-Perspektivenpapier unter Leitung von Umweltminister Josef Pröll erarbeitete Forderung nach einer Homo-Partnerschaft findet sich im Wahlkampf nicht wieder. Dabei gebe es auch in der Volkspartei „einen ganzen Haufen“ Homosexueller, sagt ein Parteikenner.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2008)