NMS Klusemann: „Der Herr Faymann und sein typischer Grinser“

(c) APA (Helmut Fohringer)
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Wählen gehen sie alle – obwohl die Politik wenig für die Jugend tue.

Graz. Bettina hebt skeptisch ihre rechte Augenbraue. Was für eine Frage. „Natürlich gehe ich wählen“, sagt die dunkelhaarige 16-Jährige. Liz („Liz mit z“) und Katrin, die in der Pause lässig neben ihr auf den Schulbänken sitzen, nicken. Natürlich. „Wer nicht wählen geht“, sagt Katrin, „gibt seine Stimme der Partei, die er am wenigsten will.“

Katrin ist blond und zierlich. Dass sie 16 ist, und an diesem Sonntag erstmals wahlberechtigt, sieht man ihr nicht an. Wenn sie allerdings über die Wahlen spricht, klingt es so, als hätte sie schon oft über Politik geredet. Was wohl stimmt. Denn den Wahlkampf hat die 7B des Grazer Gymnasiums Klusemannstraße intensiv verfolgt. Eine Schule, die gerne als Paradebeispiel einer „Gesamtschule“ zitiert wird: Seit 1991 gibt es hier eine gemeinsame Unterstufe für AHS- und Hauptschüler. Neben der Übung „Politische Bildung“ waren für die 7B auch Deutsch und Geschichte klar wahldominiert. Ganz schön viel, oder? „Das passt schon so“, meint Alex. Auch er geht „sicher zur Wahl“. Wem er seine Stimme gibt, weiß er noch nicht. Wem sicher nicht, schon: „Molterer und Van der Bellen mag ich nicht.“

Vorhin, im Deutschunterricht, hat die 7B die Wahlprogramme der Parteien verglichen. „Die Christen gehen härter gegen Drogendealer vor“, hat eine Schülerin mit Füllfeder ins Heft geschrieben. Ist von den „Christen“ die Rede, wird in der Klasse gekichert. Wie überhaupt die kleinen Parteien mehr Interesse wecken als SPÖ und ÖVP. „Die Christen sind gegen Sexualkunde“, sagt Tanja, und es klingt erbost. „Die BZÖ will...“. „DasBZÖ“, korrigiert Max. Wofür das stehe, fragt Lehrerin Eva Staringer. „Bündnis zwiderer Österreicher“, so Max. Lachen. Die Frage unterfordert die meisten. Das SP-Fünf-Punkte-Programm zählen sie auswendig auf, aber in einem beiläufigen Ton, der das Label „Streber“ ausschließt. Cool. Wie man mit 16 eben so ist.

Straches gemalter Hitlerbart

Das politische Interesse überrascht umso mehr, als die Schüler selbst finden, dass sich „keine Partei an Jugendliche gewandt hat“, so Katrin. Welche Themen ihnen wichtig sind? Tierschutz, mehr Öffis. Liz etwa hat ein „totales Problem“, weil die Nachtbusse nicht in ihren Ort fahren. Davon freilich war im Wahlkampf keine Rede. Sie fühlen sich nicht angesprochen, wählen gehen sie trotzdem. „Weil ich mitbestimmen will“, sagt Thomas. Obwohl Strache (mit aufgemaltem Hitlerbart) auf Plakaten präsent ist, hat sich bei Thomas ein anderer eingeprägt. Müsste er den Wahlkampf auf ein Bild reduzieren, es wäre „der Herr Faymann mit seinem typischen Grinser“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2008)

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