Häupl siegessicher – Faymann warnt vor Schwarz-Blau.
Wien. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie Werner Faymann sich fühlen muss, als er Freitagabend das Zelt vor der SPÖ-Zentrale in der Wiener Löwelstraße betritt. Wie ein Fußballstar muss er sich fühlen, der ein läuft ins Stadion und von der Menge bejubelt wird. Rund 3000 Menschen sind zur Wahlkampf-Schlussveranstaltung der SPÖ gekommen, viele sitzen, die meisten drängen sich um die besten Stehplätze. Sie tragen rote Schals, klopfen mit roten Pappfächern auf die Handkuppen und stehen auf, als sich der neue Kapitän samt Regierungsteam durch die Massen schlängelt.
Fast alle sind sie gekommen, Minister, Staatssekretäre, Gewerkschafter und Länderchefs. Bis auf Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (schickt Grüße aus New York) und Salzburgs Gabi Burgstaller ist die ganze Familie da. Vor der Bühne wartet Hans Niessl, der burgenländische Landeshauptmann. Er sagt: „Ich glaube an einen SPÖ-Sieg.“ An einen klaren auch? „Dass die Freiheitlichen stark werden könnten, das macht mir ein bisserl Sorgen.“
Molterer, der Ministrant
Daneben steht Franz Voves, der steirische Landeschef. Er umarmt Faymann wie einen Erbonkel, den er vor 20 Jahren zum letzten Mal gesehen hat. Der SPÖ-Chef schüttelt Hände, verteilt Küsse und ist zu Tränen gerührt, als Bundesgeschäftsführerin Doris Bures ins Mikrofon haucht: „Ich bin stolz, dass Du unser Spitzenkandidat bist.“
Der Anpfiff zum roten Finale bleibt dem Wiener Bürgermeister überlassen. Michael Häupl ist der Spielmacher, der für die launigen Sager zuständig ist. Die Fouls richten sich allesamt gegen die Volkspartei: „Der neoliberale Wanderprediger Schüssel und sein Ministrant Molterer haben Neuwahlen ausgerufen. Dabei haben sie die Arbeit in der Regierung blockiert.“ Häupl verspricht: „Keine Koalition mit der FPÖ und dem lächerlichen Ableger BZÖ.“ Und dann sagt er noch: „Nicht wir, die ÖVP wird am Sonntag im Tal der Tränen sein.“
Nach dem Bürgermeister hat es Faymann schwer. Er hält eine emotionale Rede, wenn auch nicht jeder Scherz als solcher verstanden wird. Der Spitzenkandidat lässt keine Gruppe aus, er dankt der Gewerkschaft und der Arbeiterkammer, er lobt die Pensionisten und die Jungen, er fordert Chancengerechtigkeit für Frauen und feiert das Ende der Studiengebühren.
Doch siegessicher ist er noch nicht: Er traue Schüssel und Molterer alles zu – nämlich auch die Neuauflage von Schwarz-Blau. Deshalb appelliert Faymann an die Genossen: „Ich brauche euch in den wenigen Stunden, die uns noch bleiben. Nutzen wir die Zeit.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2008)