US-Rettungsring für die Wall Street

(c) AP (Mary Altaffer)
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Der US-Kongress reduziert die 700 Mrd. Dollar teure Bankenrettung vorerst auf die Hälfte.

Washington/Wien (mac/htz). „Ich glaube, wir haben es geschafft.“ Mit diesen Worten verkündete US-Finanzminister Henry Paulson am Sonntag die vorläufige Einigung des US-Kongresses über ein milliardenschweres Rettungspaket für die US-Banken. Rechtzeitig vor dem Börsenstart am Montag sollte das Papier unterschrieben sein, um weitere Kursstürze an den Börsen zu verhindern. Das tagelange Tauziehen um das Paket, das die Wall Street vor dem Kollaps bewahren soll, hatte die Aktienkurse vergangene Woche weltweit nach unten geschickt.

Vorerst nur 250 Mrd. Dollar

Heute, Montag, sollen auch die Details der Einigung auf dem Tisch liegen. Sicher war am Sonntag bereits, dass die USA das angekündigte Volumen der Finanzspritze vorerst auf die Hälfte reduzieren werden. Doch auch die nunmehr 350 Mrd. Dollar teure Medizin soll lediglich in Raten verabreicht werden. 250 Mrd. Dollar bekäme die US-Notenbank demnach direkt nach der Unterzeichnung in die Hand.

Weitere 100 Mrd. dann, wenn es der Präsident für nötig halte. Die zweite Hälfte der 700 Mrd. Dollar würden erst auf Zuraten des US-Kongresses angegriffen. Mit dem Geld sollen faule Hypothekenkredite aufgekauft werden, die nach dem Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes drastisch an Wert verloren haben.

Auch die Zahlungen an die Spitzenmanager der betroffenen Institute sollen nach der Vereinbarung begrenzt werden. Keiner der „Fehlspekulanten“ solle sich mit einem „Golden Handshake“ verabschieden dürfen, hieß es. Die Kontrolle über die Einhaltung des Programms obliegt einem Aufsichtsgremium unter der Führung des Finanzministeriums.

Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain dämpfte jedoch die hohen Erwartungen an das Rettungspaket schon im Vorfeld: „Dies ist nicht der Anfang vom Ende der Krise“, ließ er das amerikanische TV-Publikum wissen. IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn begrüßte die Einigung. Sie werde die Märkte beruhigen und die Gefahren für die Weltwirtschaft verringern. Dennoch sei das „nur der erste Akt“. Der IWF selbst solle zum weltweiten Regulierer der Finanzkrise werden, forderte Strauss-Kahn.

Wie fragil und sensibel die globale Finanzwelt derzeit gestrickt ist, zeigte sich vergangene Woche, als die US-Sparkasse Washington Mutual in der Nacht auf Freitag von den Aufsichtsbehörden geschlossen und danach an JP Morgan Chase „notverkauft“ werden musste. In den Tagen zuvor hatten verunsicherte Kunden 16,7 Mrd. Dollar von der Bank abgezogen. Um den Deal zu sichern, musste JP Morgan eine kurzfristige Kapitalerhöhung von zehn Mrd. Dollar durchziehen. Auch der US-Finanzkonzern Wachovia kam am Freitag stark in Bedrängnis. Das Institut verlor an einem Tag ein Viertel seines Börsenwertes und verhandelt nun mit der Citigroup über eine Fusion. Vorangegangene Gespräche mit Morgan Stanley waren gescheitert.

Europas Banken suchen Käufer

Die Hiobsbotschaften bleiben unterdessen nicht auf Amerika beschränkt. Auch in Europa kommen Bankwerte stark unter Druck. So musste Herman Verwlist, der Chef des belgisch-niederländischen Finanzkonzerns Fortis, am Wochenende die Führung des Unternehmens abgeben, nachdem Gerüchte über eine Liquiditätskrise die Papiere der Firma um 20 Prozent nach unten getrieben hatten. In einer eilig einberufenen Krisensitzung zwischen der belgischen Regierung und hochrangigen Bankern wurde fieberhaft nach einem Käufer für die Bank gesucht. Viele Szenarien machten die Runde:

Der niederländische Finanzriese ING und die französische BNP Paribas sollen angeblich großes Interesse an der Übernahme von Fortis haben – ganz oder teilweise. Auch die Deutsche Bank schielt angeblich mit Begierde auf Fortis. Sie hat dem Vernehmen nach Interesse an der Übernahme der ABN Amrobank, die nun von Fortis wohl zu einem Schnäppchenpreis abgegeben werden dürfte. Als potenzielle Käufer von Fortis oder Teilen davon werden ferner die spanische Bank Santander und die britische HSBC genannt.

Großbritannien dürfte bei der Lösung der Probleme seiner heimischen Institute dem amerikanischen Beispiel folgen. Medien zufolge soll der britische Baufinanzierer Bradford & Bingley unter staatliche Obhut kommen, um dem finanziellen Zusammenbruch zu entgehen. Für die Briten hieße das, 63 Mrd. Euro an Schulden zu schlucken. Offiziell sucht die Regierung noch nach einem Käufer. Vor einigen Wochen galt ihr Interesse noch der maroden Northern Rock. Auch diese Bank wollte letztendlich niemand haben, sodass der Staat eingreifen musste.

US-Finanzspritze

700 Mrd. Dollar (475 Mrd. Euro) könnte das US-Hilfspaket für die Banken im Endeffekt wiegen. Viel Geld, mit dem man einiges finanzieren könnte:

Rund 6,8 Jahre österreichische Staatsausgaben (2008: 69,9 Mrd.).

365 Jahre Neubau und Instandhaltung von Österreichs Autobahnen und Schnellstraßen (Investitionsvolumen der Asfinag 2008: 1,3 Mrd. Euro).

Die Gesamtschulden der Republik Österreich (derzeit rund 165 Mrd. Euro) könnten 2,9-mal beglichen werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2008)


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