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SPÖ: Es reicht – für den ersten Platz

(c) APA (Hans Klaus Techt)

Die Sozialdemokratie feiert ihren Werner Faymann – schaumgebremst. Das beherrschende Thema unter den Funktionären ist jedoch die Wiederkehr Jörg Haiders. Es klingt vielfach Bewunderung durch.

17 Uhr, die erste Hochrechnung im ORF: Pflichtgemäßer Jubel in der SPÖ-Zentrale, aber euphorisch ist er nicht. Vom Festzelt unten auf der Löwelstraße dringen hingegen Freudenschreie herauf. Am lautesten beim ÖVP-Ergebnis. Das Partyzelt ist kurz nach 17 Uhr voll. Gegen 18.30 Uhr ist es bummvoll. Unter dem Jubel der Spalier stehenden Genossen zieht Werner Faymann mit seinem Tross ein. Zu „Don't stop thinking about tomorrow“ kämpft er sich durch.


„Vor wenigen Wochen haben noch viele gesagt, sie werden uns nicht mehr wählen“, sagt Faymann auf der Bühne. „Es ist uns nicht gelungen, alle zurückzugewinnen. Aber ich verspreche: Wir werden die Menschen, die uns gewählt haben, nicht enttäuschen.“ Er dankt artig der Gewerkschaft und verspricht: „Wir wollen regieren. Aber ohne FPÖ und BZÖ!“

Überaus emotional spricht später Michael Häupl zum Parteivolk. „Ab morgen beginnt der Kampf gegen den Neofaschismus!“, donnert der Wiener Bürgermeister ins Zelt. Er vergleiche „die rechtspopulistischen Parteien“ FPÖ und BZÖ sehr bewusst mit den Nazis. Dann skandiert Häupl: „Niemals wieder! Niemals wieder!“ Und so schallt es auch zurück.

 

Wählen auf ÖVP-Terrain


Im Schatten der Wohntürme von Alt-Erlaa, in einem schmucklosen Häuschen am Lagerplatz der MA 28, wirft Werner Faymann kurz vor 8 Uhr früh sein Kuvert in die Urne und küsst Ehefrau Martina. Der knapp 30 Quadratmeter große Raum ist zu klein für die zahlreichen Medienleute. „Das letzte Mal waren weniger Fotografen da“, scherzt einer der Beisitzer. Vielleicht hätte er als Wohnbaustadtrat doch was Größeres bauen lassen sollen, flachst der rote Kanzlerkandidat im Blitzlichtgewitter.


Werner Faymann wohnt gleich ums Eck, im früheren Haus seiner Eltern. Dieser Teil von Liesing ist traditionell schwarzes Terrain, viele Unternehmer des Bezirks sind früher hierhergezogen. Gertrud Chalupsky, Vorsitzende der Sektion 14 der SPÖ-Wien-Liesing, kennt Faymann schon von den Roten Falken und aus der Sozialistischen Jugend. „Er ist einer zum Angreifen, er hat immer ein offenes Ohr für uns. Auch bei Sachen, die ihn gar nicht so interessieren.“ Und was noch viel wichtiger ist: „Er ist immer unser Werner geblieben. Und das wird er auch als Bundeskanzler bleiben.“


Die Basis für den Bundeskanzler Werner Faymann hat der Liesinger Bezirksparteivorsitzende Werner Faymann an diesem 28. September gelegt. Trotz eines deutlichen Minus vor dem Ergebnis behauptet die SPÖ den ersten Platz.


In der SPÖ-Zentrale in der Löwelstraße ist die Stimmung am frühen Nachmittag durchwachsen. „Ein lachendes und ein weinendes Auge“, so hört man es immer wieder von den Funktionären. Die Freude über die sich abzeichnende ÖVP-Niederlage ist ob der dramatischen Zuwächse des freiheitlichen Lagers verhalten. Aber, so Bundesgeschäftsführerin Doris Bures: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt meistens selbst hinein.“


Bures, Managerin des SPÖ-Wahlkampfs, wird als neue SPÖ-Klubchefin gehandelt. „Sie würde aber lieber wieder Ministerin werden“, sagt ein Genosse. Gegen 15 Uhr kommt ihr Vorgänger Josef Kalina in den zweiten Stock der SPÖ-Zentrale. „Die Wähler haben gesagt: Es reicht!“, meint Kalina. Josef Cap ist nun auch da.

„Die Teuerungsgeschichte war sicher wahlentscheidend“, meint er. SP-interne Umfragen bestätigen das auch. Ohne Faymanns Fünf-Punkte-Paket wäre Platz eins nur schwer zu halten gewesen. „Ein tolles Ergebnis angesichts der Ausgangslage: Wir sind bei 21 Prozent gestartet“, sagt der Erfinder des Fünf-Punkte-Pakets, Karl Krammer, Faymanns Berater und ORF-Stiftungsrat.
Das beherrschende Thema an den Tischen ist jedoch die Wiederkehr Jörg Haiders. Es klingt vielfach Bewunderung durch: Haider habe im Fernsehen hervorragende Figur gemacht, ist man sich einig. Ein Wahlkampfprofi, das müsse man anerkennen.


Werner Faymann lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht blicken. Er ist nicht einmal im Haus. Dafür ist Prominenz aus Deutschland da: Ex-RTL-Manager Hans Mahr. Er hält das SPÖ-Ergebnis in Anbetracht der Startposition für überaus respektabel. „Aber es ist sicher eine Watsch'n für die Große Koalition.“ Auch Mahr findet, dass Jörg Haider einen großartigen Wahlkampf hingelegt hat.


Am Abend feiern die SPÖ-Anhänger im Partyzelt dann doch recht ausgelassen. Faymann wird trotz der Verluste als Retter der Partei bejubelt. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer steht in der ersten Reihe und applaudiert. 2006, bei seinem Sieg, war die Begeisterung allerdings größer. Die von ihm. Und die der Genossen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2008)