Kulturminister: Wunderrabbi verzweifelt gesucht

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Marboe(c) APA (LILLI STRAUSS)
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Wer kann Kulturminister werden? Ein „Grüner“ in einem „roten“ Kabinett ist unwahrscheinlich, aber SP-Granden geben sich desinteressiert. Nimmt Faymann selbst die Kultur? Und klopft die VP wieder bei Peter Marboe an?

Es ehrt mich sehr, aber ich halte es für unwahrscheinlich. Die Sozialdemokraten geben doch nie etwas her“, Wolfgang Zinggl, Kultursprecher der Grünen, reagiert amüsiert auf die Frage, ob er in einer SPÖ-Regierung Kulturminister werden könnte. „Was? Glauben Sie, ich wechsle die Partei? Sicher nicht“, missversteht Marie Ringler, Kultursprecherin der Wiener Grünen, zunächst die Frage.

Bei Zinggl gibt es eher Anknüpfungspunkte: Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) berief ihn zum Vorsitzenden des Kuratoriums (Aufsichtsrat) im Museum moderner Kunst. Dass dies geschah, um den temperamentvollen Grünen mundtot zu machen – der heuer mit einem Wahltagebuch per Internetblog Vorschläge zur Verbesserung der Kulturpolitik lancierte –, war immer wieder zu hören. „Ich habe mich nicht beeinflussen lassen“, betont Zinggl. Er glaubt, dass Schmied Kulturministerin bleiben wird, wenn die „Roten“ die Kultur behalten können. Faymanns Idee, sie solle Finanzministerin werden, hält er für unrealistisch. Denn wenn die SPÖ als stimmenstärkste Partei den Kanzler stellt, z.B. in einer großen Koalition mit der ÖVP, dann müsse sie dieser das Finanzministerium lassen.

Temperamentvolle Aussagen beim Rundruf der „Presse“ zum Thema Kulturministerium gab es Montag aber nicht nur von den Grünen: „Auf keinen Fall! A wo!“ Rief Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny auf die Frage aus, ob es eine rot-blaue Koalition geben könnte, „da lege ich beide Hände ins Feuer!“ Er selbst wolle nicht Kulturminister werden. Im Montagblatt der „Presse“ äußerten Kulturschaffende ihre Verzweiflung über die hohen Gewinne der Rechten. Solchen „Fatalismus“ kann Mailath nicht verstehen: „Man muss mit dem Wählerwillen umgehen und sich damit auseinandersetzen.“

Mailath wünscht sich, dass die SPÖ das Kulturressort wieder übernimmt und würde einen Abgang von Schmied bedauern, die eine sehr gute Partnerin gewesen sei. Im Finanzministerium allerdings könne sie der Kultur ebenfalls helfen. Möchte Faymann vielleicht selbst „Kunstkanzler“ werden? Dazu will Mailath sich nicht äußern, rühmt aber den SP-Chef als weltoffen und kulturinteressiert. Vor allem sei er jedoch überzeugt davon, „dass es viele hervorragende Leute für die Kultur gibt“. Vor allzu raschen Schüssen warnt Mailath aber: „Jetzt muss die ÖVP einmal sehen, was sie mit sich selbst vorhat.“

Wie prädestiniert, Kultur und Unterricht in einem (SP-)Ministerium zusammenzuführen, scheint der ehemalige Stadtschulratspräsident und Restitutionsbeauftragte der Stadt Wien, Kurt Scholz. Auf Nachfrage kommt von ihm allerdings eine entschiedene Absage: „Das kommt um zehn Jahre zu spät, jetzt entspricht es nicht mehr meiner Lebensplanung. Punkt.“ Mit „wundem Herzen“, so Scholz, habe er zugesehen, „wie der Karren so tief in den Dreck gefahren wurde“. Jetzt sollen ihn die Verantwortlichen auch selbst wieder herausziehen.

„Desaströse“ Personalsituation

Bei einer großen Koalition, die gemeinsam nur 55 Prozent halte, sei eine große Bildungsreform für Scholz sowieso unvorstellbar: „Das Window of Opportunity hat man fahrlässig zugeschlagen und jetzt sucht man Menschen, die einen Wunderrabbi spielen sollen? Man hat so viel falsch gemacht, dass man zwei, drei Legislaturperioden brauchen würde, um überhaupt wieder einen europäischen Normalzustand herzustellen!“

Die Personalsituation nennt Scholz desaströs. Das komme davon, dass die bürgerlichen Parteien als oberstes Prinzip Geräuschlosigkeit und Anpassung ausgegeben hätten: „Wenn man Menschen wie Peter Marboe, Max Kothbauer und Ewald Nowotny bisher nicht in eine Regierung gekriegt hat und sie erst jetzt, wenn einem das Wasser bis zu den Ohrläppchen steht, fragt, werden sich diese Menschen abwenden“, sagt Scholz. „Da geht es nicht um enttäuschte Hoffnungen oder narzisstische Kränkungen, sondern um das Erlebnis einer gewissen Schäbigkeit. Man betritt diesen Fluss dann kein zweites Mal.“Josef Kirchberger, Geschäftsführer der Bundestheatertochter Art-for-Art und immer wieder für SP-Positionen im Gespräch, will sich zu diesem Zeitpunkt zu gar keinen Spekulationen äußern: „Eier, die nicht gelegt sind, soll man nicht begackern.“ Kirchberger war immer wieder als Alternative zu Schmied genannt worden, vor allem von jenen, die deren Regime als hilflos empfanden. Das SP-Urgestein war in verschiedenen SP-Ministerbüros tätig. Welche Parteien, meint er, werden sich in der neuen Regierung zusammenfinden? Wenn die SPÖ in die Regierung gehe, dann nur mit der ÖVP, ist Kirchberger sicher. Das Kunstressort werde dann wohl bei der SPÖ bleiben.

Welche möglichen Kulturminister hätten die „Schwarzen“ überhaupt? Etwa den früheren Wiener Kulturstadtrat und Mozartjahr-Manager Peter Marboe (66), der allerdings wohl kaum für eine VP-Koalition mit FPÖ/BZÖ in Frage käme – wie sie von VP-Klubobmann Wolfgang Schüssel angestrebt werden soll. MQ-Manager Wolfgang Waldner, der wie Marboe früher das österreichische Kulturinstitut in New York leitete, meint, ihm sei „noch nicht langweilig im MQ“. Sein Vertrag läuft bis 2014. Waldner ist entsetzt über den Vertrauensverlust der Politik und hofft auf eine „stabile Regierung“, die auch im Ausland Anerkennung findet.

Ein weiterer möglicher VP-Kulturminister wäre Christoph Thun-Hohenstein. Auch er leitete das New Yorker Kulturinstitut (1999–2007). Nun ist er Chef der Wiener Kreativen-Förderungsagentur „departure“. Kommentar will er keinen abgeben. Nicht umsonst hat er sich in der Wiener Kunstszene in kürzester Zeit einen guten Ruf als Diplomat aufgebaut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2008)

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