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Ariel Muzicant: „Das ist kein Nazi-Land“

Mucikant
(c) Reuters (HERBERT NEUBAUER)
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Der Präsident der Israelischen Kultusgemeinde: Nur weil 800.000 Leute FPÖ gewählt haben, sei Österreich noch kein Nazi-Land.

Die Presse: Sind Sie enttäuscht, besorgt..?

Ariel Muzicant: Ich muss seit frühmorgens ausländischen Journalisten antworten, die mir alle sagen, Österreich sei ein Nazi-Land.

Ist es das?

Muzicant: Meiner Meinung nach nicht. Nur weil 800.000 Leute FPÖ gewählt haben, ist Österreich noch kein Nazi-Land. Das ändert aber nichts daran, dass in der FPÖ unter den Funktionären und dem Kader eine ganze Menge Nazis sind. Man muss zwischen der Partei und Funktionären einerseits und den Wählern andererseits unterscheiden. Das ist nicht so leicht zu erklären, in einer Situation, in der die Journalisten gerne dazu neigen, alles zu vereinfachen. Jetzt greife ich schon die Journalisten an!

Das macht nichts. Sie haben vor kurzem eine eigene Pressekonferenz abgehalten, in der Sie vor der rechtsextremen FPÖ warnten.

Muzicant: Wir wissen mittlerweile, dass es in der FPÖ noch viel, viel mehr Leichen gibt und dass hier noch jede Menge Sachen hervorkommen werden. Ich sage nur „Fotos“. Heinz-Christian Strache hat sich bis heute nicht hingestellt und gesagt: „Es war in meiner Jugend und es tut mir leid. Und ich entschuldige mich bei allen, die ich... “

Er behauptet, er hätte das schon gesagt.

Muzicant: Er sagt immer nur: „Das sind die bösen Journalisten.“ Und dass er nur Paintball gespielt habe. Aber er hat nicht Paintball gespielt. Die Geschicht ist wie bei Kurt Waldheim: Der hat auch immer alles abgestritten. Dieser schlampige Umgang mit diesen Dingen führt dazu, dass alle über Österreich herfallen und uns als Nazi-Land abstempeln. Was wir nicht sind. Wie komme ich in die blöde Situation, dass ich nach außen erklären muss, wie es wirklich ist, und nach innen schimpfen muss?

Das geht vielen so. Wenn Strache sich so klar entschuldigen würde, wäre er dann regierungsfähig?

Muzicant: Mittlerweile nicht mehr, nach allem, was er nicht gesagt hat. Zurück zur Wahl: Das war kein Rechtsruck, sondern ein Ruck der Frustrierten. Die Wähler haben aus Frustration die großen Parteien verlassen und sind dorthin gegangen, wo sie glauben, es sei die echte Opposition. Ich glaube wirklich, dass 90 Prozent dieser Stimmen Fruststimmen sind und nicht überzeugte FPÖler oder BZÖler.

Wie erklären Sie internationalen Journalisten denn das BZÖ und Jörg Haider? Als liberalere, weniger rechte Partei?

Muzicant: Liberaler würde ich nicht sagen. Der Unterschied ist, dass der Jörg Haider bei weitem intelligenter ist. Man kann ihn nicht mögen, so wie ich, und seine Ansicht nicht mögen, so wie ich, aber man muss zugeben, dass der Mann hochintelligent ist. Haider hat sich seine Mitstreiter und Funktionäre überall zusammengesucht. Ein paar Liberale, ein paar Rechte, ein paar Verdrossene aus anderen Parteien, ein zusammengewürfelter Haufen, den viele wieder verließen. Das ist ein großer Unterschied zur FPÖ.

Das sagen Sie auch, weil...

Muzicant: ...ich es glauben will. Das können Sie mir wirklich vorwerfen: Aber ich habe in den Gesprächen mit Ursula Haubner oder Herbert Scheibner nie das Gefühl gehabt, jemandem gegenüberzusitzen, der mit diesen Dingen irgendwie sympathisiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2008)