Freud-Museum: „Mein garstiges Gesicht“

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Ausstellung „Freud und seine Zeit im Porträt“. Das Museum möchte sich bald erweitern.

Fast so ein Gedränge wie bei Albertina-Ausstellungen, nur der Raum ist viel kleiner: Das Wiener Freud-Museum, das in den letzten fünf Jahren insgesamt 400.000 Besucher anlockte, platzt aus allen Nähten – und hofft auf Erweiterung. Fünf Mio. Euro würde der Ausbau zu einem repräsentativen Freud-Zentrum mit größerer Schaufläche, Archiv, Filmraum kosten. Die Stadt Wien ist gesprächsbereit. Der Bund ziert sich. Ein guter Anlass, das Projekt anzugehen, wäre 2009 – Freuds 70.Todestag. Dann läuft die Urheberrechtsfrist im deutschsprachigen Raum ab, wodurch es neue Möglichkeiten für Ausstellungen gibt.

„Ferdinand Schmutzer: Freud und seine Zeit im Porträt“ heißt die derzeit laufende Schau, die vom Wien der Jahrhundertwende erzählt, anhand von Fotos und Radierungen Ferdinand Schmutzers (1870–1928). Er porträtierte nicht nur Freud, sondern auch andere berühmte Persönlichkeiten, die zu diesem in Beziehung standen: Mit Albert Einstein traf sich der Vater der Psychoanalyse – und verfasste mit ihm Betrachtungen über den Krieg. Hugo von Hofmannsthal ließ sich bei seiner von Richard Strauss vertonten „Elektra“ von Anna O. inspirieren, einer der berühmtesten Patientinnen Freuds.

Schmutzer war nicht nur bildender Künstler, sondern auch Fotograf. Seine Radierungen entstanden nach Fotos. In einem der Räume sieht man die politischen Akteure der Zeit: Ungewohnt verschmitzt blickt Kaiser Franz Josef in die Kamera. In imperial anmutender Umgebung posiert mit Handschuhen und vielen Orden auf der Brust der Wiener Bürgermeister Karl Lueger – während Karl Seitz sich im Rathaus vor einem Berg von Akten ablichten ließ. Der christlichsoziale Lueger, der mit dem Spruch „Wer a Jud' is', bestimm' ich“ in die Geschichte einging, schürte rassischen Antisemitismus – und mobilisierte klein- und mittelbürgerliche Wähler. Der Kaiser schätzte das nicht – und weigerte sich gleich drei Mal, Luegers Wahl zum Wiener Bürgermeister zu bestätigen. Papst Leo XIII. überredete Franz Josef schließlich, Lueger den Weg zum Bürgermeisteramt frei zu machen.

Der wachsende Antisemitismus vermengte sich im Wien der Jahrhundertwende mit Ressentiments gegen die Psychoanalyse (PA). Nur die „Neue Freie Presse“ bot eine Plattform. Freud publizierte dort auch. Thomas Manns Rede zu Freuds 80. Geburtstag, „Freud und die Zukunft“, wurde in der „Neuen Freien Presse“ abgedruckt, zwei Jahre vor der Flucht Freuds nach London.

Erst mit 68 Jahren wurde Freude die Ehre zuteil, Bürger von Wien zu werden, was er ironisch kommentierte: Offenbar glaube man nicht, er würde den 70er noch erleben. 15 Jahre litt der starke Zigarrenraucher Freud an Krebs: Bei einer Operation wurde der halbe Kiefer entfernt und durch Prothesen ersetzt. Die eine Wange blieb fortan eingefallen, man sieht es auf einem Bild Schmutzers aus dem Jahr 1926.

Verschwunden in den Bildern

Trotz Schmerzen bewahrte Freud seinen Humor: „Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen für die Mühe zu danken, die Sie sich mit der Wiedergabe meines garstigen Gesichts gegeben haben“, schreibt er an Schmutzer. Mit seinen ebenso würdigen wie markanten Abbildungen verdiente der Künstler gut. Er lebte in einer herrschaftlichen Villa.

Über Schmutzer erfährt man allerdings nicht viel in der Schau. Der Spross einer Künstlerfamilie, der an der Wiener Kunstgewerbeschule und an der Akademie studierte, Mitglied der Secession und auch deren Präsident war, verschwindet quasi hinter seinen Bildern. Nicht der Porträtist, das Porträt der Zeit prägt die Ausstellung.

(Kooperation mit dem Kupferstichkabinett der Wiener Kunstakademie, bis 25.1.2009, 9., Berggasse 19, Täglich 9–17h, Eintritt 7€)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2008)

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