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Mit Federn, Haut und Haar: Quälbehütet: arme Hunde

Die „kleinen Prinzen“ gibt es nicht nur in China, sondern auch bei uns, diese durch übergroße Liebe gequälten, überbehüteten, und -versorgten, daher sozial unterbelichteten und fettleibigen Einzelkinder. Zunehmend gibt sie aber hierzulande auch in Hundegestalt.

Immer mehr wohlmeinende Hundefreunde werden durch maßlose Übertreibung zu Hundequälern wider Willen. Erst unlängst drückte ein in Sachen Hunde führender heimischer Journalist seine Besorgnis in folgender Liste der Einstellungen des modernen Hundebesitzers aus: hat Mischlingshund(e) aus dem Tierheim (Rassehunde sind bekanntlich alle krank); Welpen/Junghunde werden bis zum Alter von mindestens einem Jahr über Stufen getragen; verwendet nur Brustgeschirr, möglichst mit Gel-Pads gegen Scheuern; kein Hundesport, das ist Zwang; kein Mitlaufen beim Joggen, das überfordert; hat immer Wasser dabei, denn wenn der Flocki nicht alle drei Minuten etwas bekommt, fällt er tot um; weist den Hund nie zurecht, denn das provoziert Frust und Aggression; glaubt, dass alle Hunde immer miteinander spielen müssen.

Noch nicht genug: Wenn Hund (aus Unterbeschäftigung oder wegen Überforderung durch permanentes Knuddeln) verhaltensauffällig wird, gibt's Bachblüten; nutzen diese nichts, geht man/frau zu fünf verschiedenen „Hundeflüsterern“, bis einer genau das sagt, was man selber hören will. Und so weiter und so fort.

Dieses liebesmotivierte Hundequälsyndrom breitet sich aus. In den heimischen Internethundeforen vertritt mindestens die Hälfte der Nutzer – bzw. Nutzerinnen, über 90 Prozent sind weiblich und unter 20 – solche aus der Sicht einer hundegerechten Haltung abwegigen Meinungen. Dazu passt, dass etwa 80Prozent aller Hunde übergewichtig sind.


Der bekannte Mechanismus der Projektion der eigenen Wünsche und Einstellungen auf den Sozialpartner Hund treibt seltsame Blüten. Man wird in Wien schon gemobbt, wenn der eigene Hund ein Halsband trägt anstatt des blöden, weil belastenderen Dauerbrustgeschirrs. Man zeigt, welch großer Hundefreund man doch ist (und wie hundeunfreundlich die anderen sind). Es geht um Selbstdarstellung auf Kosten des Hundes. Diese quälerische Sanft-und-lieb-Eskalation wird von manchen TierärztInnen und HundeflüsterInnen aus Eigeninteresse oder aus bloßer Gschaftlhuberei nach Kräften gefördert. Dabei ist es ganz einfach, einem Hund ein guter Partner zu sein. Dazu gehören wechselseitige Aufmerksamkeit vom Welpenalter an, gute Erziehung durch liebevolle Konsequenz, genügend Zeit, Bewegung und eine gesunde Ernährung.

Bereits in den späten 1950er-Jahren zeigte etwa Dan Freedman, dass Hunde, die nur immer freundlich behandelt werden und ohne Grenzen aufwachsen, als Erwachsene Schwierigkeiten mit ihrer Impulskontrolle haben, weil – wie man heute weiß – ihre Gehirnentwicklung durch diese Art der sozialen Vernachlässigung leidet. Ähnliches gilt ja auch für Kinder. Dass meine Suada etwas nützen wird, glaube ich kaum, denn die (überwiegend) jungen Damen in den Foren werden es wahrscheinlich besser wissen. Arme Hunde (und Kinder)!

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


kultur@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2008)