Vor 100 Jahren kaufte Österreich Klimts „Kuss“. Das Belvedere rekonstruierte die legendäre Kunstschau.
In derartige Niederungen begeben sich erfolgreiche Künstler, die etwa schon an Akademien lehren und treue Mäzene haben, schon längst nicht mehr: sich in einer freien Künstlergruppe organisieren, ein gemeinsames Konzept entwickeln, eine große Ausstellung dazu planen, ein eigenes temporäres Gebäude dafür bauen, den Platz gerecht untereinander teilen, die Kosten übernehmen, die Plakate entwerfen und die eigenen Schüler einbinden. Denn, das erkannte Gustav Klimt, die Zukunft liegt in der Jugend. Und in der Kunst.
Um einmal radikal die alle Lebensbereiche durchdringende, damals auch als moralisch förderlich angesehene Wirkung des Gesamtkunstwerks vorführen zu können, stürzten sich Klimt und seine zwei Jahre zuvor mit ihm aus der Secession ausgetretenen Künstlerfreunde 1907 in ein finanzielles Wagnis: die erste österreichische Kunstschau, die dann vor genau 100 Jahren durchgeführt wurde, nicht zufällig zur Feier des 60. Regierungsjubiläums Kaiser Franz Josefs I., was eine ordentliche staatliche Subvention versprach. Trotzdem blieben Klimt und sein Kreis danach auf einem Schuldenberg sitzen.
Kunstschau statt Konzerthaus
Kein Wunder, betrachtet man die ungeheuren Dimensionen dieser elitären Gesamtkunstwerks-Mustermesse: Josef Hoffmann baute eigens eine weitläufige temporäre Pavillonanlage am damals schon für das Konzerthaus reservierten Platz neben dem Wiener Eislaufverein. 1000 Quadratmeter wollten Klimt, Hoffmann, Karl Moll, Koloman Moser und die anderen 180 Teilnehmer erst bespielen. Sie endeten bei 6500 Quadratmetern, rund 1000 mehr, als heute etwa die Albertina an Ausstellungsfläche hat. Die Hälfte davon bestand allerdings aus Garten, der jedoch mit demselben künstlerischen Anspruch gestaltet wurde wie die 54 Säle und Räume. Ein Kaffeehaus sollte die Besucher, die umgerechnet sieben Euro Eintritt zu zahlen hatten, erfrischen, ein kleines Theater Bühnenentwürfe lebendig werden lassen, ein Saal mit Kinder-Kunst aus dem Kurs von Franz Cizek den Einstieg erleichtern. Alter, Geschlecht (ein Drittel Künstlerinnen!), Ruhm sollten hier (zumindest offiziell) keine Rolle spielen. Sogar ein kleiner Friedhof mit Grabstein-Entwürfen konnte besichtigt werden.
Ein makabres Detail, das man im Unteren Belvedere vergeblich suchen wird; es geht aber auch nicht weiter ab. Ein eigens angefertigtes 1:50-Modell der Gesamtanlage gleich zu Beginn der Jubiläumsschau reicht der Fantasie bei weitem. Was folgt, ist vor allem Heiterkeit – endlich traut man sich auch in Wien die idealisierte Jugendstil-Vergangenheit nicht nur sparsam und betont wissenschaftlich aufzuarbeiten, sondern in aufwendigen Rekonstruktionen ihre Wiederkehr vorzuspiegeln. Ein Sentiment, das bisher etwa die Neue Galerie New York in ihren Ausstellungen gerne bediente. In detektivischer Kleinarbeit hat Kurator Alfred Weidingers Team zumindest zwei Hauptsäle und Nebenräume nach dem Kunstschau-Katalog („unsere Bibel!“) und Fotos wieder aufgebaut.
Zentrum: Klimts küssendes Liebespaar
95 Prozent der Exponate waren auch wirklich in der Kunstschau zu sehen, andere wurden der Zeit gerecht ergänzt. Welche genau, wird in der spärlichen Beschriftung nicht gekennzeichnet – man betont so Gesamteindruck, nicht Einzelstück, was in diesem Zusammenhang zwar durchaus gerechtfertigt ist, Seriosität und Information aber ein wenig Abbruch tut. So wäre etwa die Story hinter Otto Prutschers Vitrinen-Preziose aus gebogenem Glas – einst für den „Raum für einen Kunstliebhaber“ geschaffen – durchaus spannend: Der private Besitzer lieh das fragile Teil dem Belvedere nur, nachdem Weidinger den verloren geglaubten Rahmen aufgetrieben hatte. Anders als im Saal der Wiener Werkstätte, der durchgehend mit Originalen bestückt ist, wurde beim Herzstück, der „Gustav Klimt-Kirche der modernen Kunst“ (Peter Altenberg), teils auf Kopien zurückgegriffen.
Zwischen das strenge, aber dezente Tapetenmuster von Kolo Moser fügen sich Klimts Meisterwerke, u. a. die „Goldene Adele“ (in Kopie), die Wasserschlangen, die „Drei Lebensalter“. Hier ahnt man die Diktatur der Avantgarde, des Gesamtkunstwerks, das von Freiheit und Individualität wenig gehalten hat. Ganz scheel wird von den blassen Damengesichtern der Nachbarbilder so auch ihr Zentrum beäugt, der „Kuss“, damals noch „Liebespaar“ genannt. Direkt aus der Kunstschau wurde dieses letzte Bild aus Klimts goldener Periode vom Staat angekauft und kam in die Sammlung der Modernen Galerie, Vorläuferin des heutigen Belvedere. Trotz unserer heutigen Verklärung von Secessions-Geist und Kunstschau-Selbstmanagement ging es schließlich auch damals schon ums liebe Geld, war die Kunstschau eine Vorläuferin heutiger Kunstmessen wie der „Art Basel“. Und auch damals gab es einen Shootingstar. Am ersten Tag schon waren die Grafiken eines jungen Kunstgewerbeschule-Schülers ausverkauft. Sein Name: Oskar Kokoschka.
Bis 18.Jänner, tägl. 10–18h, Mi 10–21h, Unteres Belvedere, Rennweg 6, 1030 Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2008)