Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Staatsaffäre: Falscher Spion klagt die Republik

tiger eurocopter
(c) AP (REMY DE LA MAUVINIERE)
  • Drucken

„Ich war Bauernopfer“, sagt Unteroffizier Harald Sodnikar – und fordert Antworten. Der Österreicher wurde in einen rätselhaften Spionagefall hineingezogen.

Der Verdacht laut Haftbefehl: „Vergehen des Geheimen Nachrichtendienstes zum Nachteil Österreichs und des militärischen Nachrichtendienstes für einen fremden Staat.“ Die Folge: Zwei Wochen Untersuchungshaft und 15 Monate dauernde Ermittlungen. Ergebnis: Einstellung des Verfahrens.

Der Fall betrifft den österreichischen Unteroffizier Harald Sodnikar, die Umstände seiner Verhaftung sind rätselhaft: Laut Dokumenten, die der „Presse“ vorliegen, sind Daten von geheimen Treffen und Geldübergaben, die ein verurteilter deutscher Spion in seinen Einvernahmen zugab, unverändert in den Haftbefehl Sodnikars übernommen worden.

Ausgetauscht wurden nur die Namen, sodass es den Anschein hatte, als ob statt eines russischen Agenten, den der Deutsche in seiner Einvernahme nannte, Sodnikar geheime Informationen entgegengenommen und dem Russen übergeben hätte. Ein Fax, das Harald Sodnikar entlaste, sei außerdem spurlos aus dem Akt verschwunden, sagt sein Anwalt, Erwin Wartecker.

 

Zwei Wochen in U-Haft

Harald Sodnikar saß zwei Wochen in U-Haft, sein Handy wurde abgehört, er wurde suspendiert. Nach 15 Monaten offenbar ergebnisloser Ermittlungen ist das Verfahren am 4.September dieses Jahres eingestellt worden. Nun sagt sein Anwalt: „Haftbefehl und Strafanzeige wurden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erwirkt.“ Konkret gehe es um Irreführung der Staatsanwaltschaft. „Unterlagen, die meinen Mandanten entlastet hätten, fehlen. Üblicherweise ist es so, dass alles, was für oder gegen einen Verdächtigen spricht, im Akt ist.“ In diesem Fall sei das nicht so.

Es begann so: Im Dezember 1997 wird Sodnikar bei einer Führung durch das Eurocopter-Werk in Ottobrunn bei München von einem deutschen Ingenieur angesprochen: Werner G. ist Eurocopter-Angestellter, er hat vor, sich selbstständig zu machen. Er ersucht Sodnikar, der vom Bundesheer offiziell genehmigt im Nebenberuf mit Flugzeugmotoren, Flugzeugkomponenten und Werkzeugmaschinen handelt, um Hilfe. Sodnikar – er unterhält Geschäftskontakte zum russischen Handelsattaché – möge doch eine Verbindung zu dem Russen herstellen. Zwei Tage später schickt ihm G. auch ein Fax, in dem er ihn genau darum bittet. Ebendieses Fax, das beweisen würde, dass G. auf Sodnikar zukam und nicht umgekehrt, ist verschwunden. Taucht das Fax nicht mehr auf, will Anwalt Wartecker eine Strafanzeige wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs, ansonsten ein Amtshaftungsverfahren gegen die Republik Österreich anstrengen.

Zurück zu dem Deutschen: Sodnikar arrangiert ein Treffen zwischen diesem und dem in Wien stationierten russischen Handelsattaché Wladimir Woschow. Bei Sodnikar zu Hause, im Salzkammergut, treffen sich die beiden ein erstes Mal. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Denn was Sodnikar nicht weiß: Woschow ist Agent im Dienst des russischen Geheimdiensts GRU und unterhält beste Kontakte zur Familie Wladimir Putins. Er heuert G. als Informanten an.

Dieser wurde mittlerweile wegen seiner Weitergabe von Informationen über Baupläne und Unterlagen zu verschiedenen Helikopter-Typen vom Oberlandesgericht München rechtskräftig zu elf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. G. war schon länger im Visier der deutschen Behörden. Als er geschnappt wurde, wechselte er die Seiten und lieferte Woschow ans Messer.

 

Internationale Verstimmung

Am 11. Juni 2007 waren G., Woschow und Sodnikar verhaftet worden. Noch bevor es zu den vom Kreml angekündigten höchsten Irritationen zwischen Russland und Österreich kommen hätte können, musste Woschow ausgeliefert werden. Er genoss diplomatische Immunität, weil er zum Zeitpunkt seiner Festnahme für den in Wien stattfindenden UN-Weltraumkongress akkreditiert war.

Übrig blieb Sodnikar. G., den er wegen Rufschädigung und Verleumdung belangen wird, hatte ihn beschuldigt, gezielt von ihm geködert worden zu sein. Das entlastende Fax sei vom Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung zwar mitgenommen worden, aber nicht in den Akt gelangt. „Ich war das Bauernopfer. Alles, was mir jetzt noch wichtig ist, ist eine persönliche und berufliche Rehabilitation“, sagt Sodnikar zur „Presse“.

Er sei durch die Hölle gegangen. Der Sold des Hubschrauber-Bordtechnikers wurde in dieser Zeit auf die Hälfte gekürzt, er und seine Familie hätten oft nicht weiter gewusst. Für den Oberösterreicher, der Verdienstentgang und Haftentschädigung haben will, hat sich alles verändert.

„Ich habe erlebt, wie es ist, von einem System gezielt überrollt zu werden. Der Russe war ein Kunde von mir, das habe ich bekannt gegeben, es war nie etwas Illegales.“ Er habe 15 Monate lang jeden Tag darüber nachgedacht. „Ich will Gerechtigkeit.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2008)