Der FP-Wähler, das fremde Wesen

Ich kenne viele Menschen, sehr viele.

Ich kenne ziemlich Reiche und verdammt Arme, ich kenne Frauen, die sich Damenkarten bringen lassen, und Männer, die an Herrenrunden teilnehmen, Menschen mit Klo am Gang und solche mit Whirlpool in der Villa, Biologistinnen und Konstruktivisten, Tierschützerinnen und Blumenfreunde, Astronominnen und Astrologen, Barockmenschen und Rock'n'Roller. Ich kenne Menschen, die glauben, dass das Kapital an (fast) allem schuld ist, und solche, die glauben, dass der Sozialstaat an (fast) allem schuld ist. Ich kenne Menschen, die vor dem Essen beten, und solche, die ungnädig dreinschauen, wenn man „Grüß Gott“ sagt.

Ich kenne Menschen, die SPÖ, ÖVP, Grüne, LIF, KPÖ oder „weiß“ gewählt haben, sogar einen, der sich für die Liste „Fritz“ entschieden hat, zumindest hat er so getan, er macht oft schwer verständliche Scherze.

Aber ich kenne niemanden persönlich, der BZÖ oder FPÖ gewählt hat.

Zumindest niemanden, der das sagt – „zugibt“ hätte ich fast geschrieben, als ob das eine Untat wäre, etwas, das man verleugnet, heimlich tut, womöglich mit Angstlust am Verbotenen. Ich weiß nur: Wenn in einer Runde, in der ich sitze, oder an einer Bar, an der ich stehe, sich jemand zu einer dieser beiden sogenannten „populistischen“ Parteien bekennen würde, dann wäre die Reaktion ähnlich der auf eine derbe Zote oder einen lauten Furz, pikiert bis ungläubig: So was tut man doch nicht!

Ich weiß auch nicht wirklich, wie Menschen sind, die FPÖ oder BZÖ wählen, ich habe nur Klischees und Karikaturen in meinem Kopf.


Sind das die Burschen mit den unverständlichen Tätowierungen? Die bei „Live Is Life“, „The Final Countdown“ und „We Will Rock You“ mitsingen? Die Metal-Bands mit Namen wie „Doom Fighter“ oder „Armageddon“ hören? Die Kampfhunde führen? Die Mädchen mit den weißen Stiefeletten und den entzündeten Piercings, die in der Straßenbahn zueinander „Oida“ sagen? Die „Rüscherl“ und „Baucherl“ trinken? Die „Energy Drinks“ mit Wodka mischen? Die sich vor Großraumdiscos anstellen? Die Männer, die sich im Fernsehen (oder gar live an einem Ring) Autorennen ansehen? Die Autos mit komischen Heckspoilern und mehrfachem Auspuff haben? Die mit röhrenden Motoren durch die Gassen der Vorstadt rasen? Die hinter den dunklen Scheiben der neuen Spielsalons verschwinden? Die Väter, die nie ihre Kinder von der Schule abholen? Die Mütter, die nichts sagen? Nichts sagen dürfen? Die Frauen, die Kopftuch tragen und immer drei Schritte hinter den Männern gehen?

Moment einmal. Da stimmt doch etwas nicht. Da ist mir etwas durcheinandergekommen. Das sind doch gar nicht die, das sind doch die anderen, die, gegen die...

Tja, man hat es nicht leicht mit so vielen Fremden im Land.


thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2008)

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