Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Ökonomen mögen keine Computer

Immer noch versuchen Ökonomen, den Markt mit traditionellen Wirtschaftstheorien zu verstehen, ohne ihm eine Eigendynamik zuzubilligen: Dabei könnte man mit Computer-Modellen frühzeitig Krisenzeichen entdecken.

Vor einigen Wochen schien es noch, als ob die Finanzkrise nicht völlig außer Kontrolle geraten würde. Die Regierung wusste, was sie tat – das sagten zumindest die Wirtschaftsexperten –, und das US-Finanzministerium hatte sich darauf eingeschworen, strauchelnde Firmen nicht zu retten und Lehman Brothers pleitegehen zu lassen. Aber dann kam die Rettung des Versicherungsriesen A.I.G., der konzertierte Verkauf gefallener Banken und, wie wir bald sehen werden, in der einen oder anderen Form die größte Rettungsaktion auf Steuerzahlerkosten in der Geschichte der Wall Street. Niemand weiß, was als Nächstes kommt. Aber warum nicht?

Ein Grund dafür ist, dass Ökonomen den Markt noch immer mit traditionellen Wirtschaftstheorien zu verstehen versuchen, besonders mit der sogenannten Gleichgewichtstheorie. Diese Theorie besagt, dass die Märkte ein Kräftegleichgewicht widerspiegeln, und dass sich Marktwerte nur ändern, wenn es neue Informationen gibt – z.B. die plötzliche Aufdeckung von Firmenproblemen oder eine Änderung des Wohnungsangebots. Ansonsten wird Märkten keine wirkliche interne Eigendynamik zugebilligt. Schlecht für die Theorie, denn so funktionieren die Dinge nicht.


Die Ökologie der (Fehl)Annahmen

Vor fast zwei Jahrzehnten fand eine klassische Wirtschaftsstudie heraus, dass von den 50 größten Kursänderungen seit dem Zweiten Weltkrieg die meisten an Tagen passierten, an denen es keine signifikanten Nachrichten gab. Neuen Nachrichten sei generell nur etwa ein Drittel der Abweichungen bei Aktienrenditen zuzuschreiben. Eine neue Studie, von Physikern durchgeführt, belegt Ähnliches – Finanznachrichten haben keine klare Verbindung mit den größeren Bewegungen von Aktienwerten.

Märkte haben nun einmal eine interne Dynamik. Sie sind Systeme, die zu einem großen Teil davon getrieben werden, was Investoren glauben, dass andere Investoren glauben. Die Teilnehmer handeln auf Basis von Gerüchten und Geschwätz, von Furcht und Erwartungen. Händler sprechen nicht umsonst vom Optimismus oder Pessimismus des Marktes. Diese interne Dynamik macht es möglich, dass sich Milliarden in wenigen Monaten in Luft auflösen, nur weil Menschen sich plötzlich daran erinnern, dass Immobilienpreise nicht immer steigen.

Um wirklich zu verstehen, was vorgeht, muss man die Grenzen des Gleichgewichtsdenkens überschreiten und Einblick in die darunterliegende Ökologie der Überzeugungen und Erwartungen nehmen, der Annahmen und Fehlannahmen, die den Markt antreiben. Überraschenderweise haben das bisher nur wenige Ökonomen versucht. Das ändert sich jetzt langsam durch die Anstrengungen der Pioniere, die Computermodelle bauen, um die Dynamik des Marktes von Grund auf simulieren zu können.


Instabilität kommt schlagartig

Die Idee ist, virtuelle Märkte mit Teilnehmern von künstlicher Intelligenz zu bevölkern, die miteinander – so wie im wirklichen Leben – im Wettbewerb stehen. Diese „Agent based“-Modelle verkünden nicht einfach die Wahrheit des Marktgleichgewichts, wie es die Standardtheorie selbstzufrieden tut, sondern lassen das Marktverhalten aus den Aktionen der Teilnehmer entstehen, zu denen Individuen, Banken, Hedgefonds und andere Akteure, sogar Regulatoren, gehören können. Was dabei herauskommt, kann ein ruhiges Gleichgewicht sein oder auch etwas anderes.

Ein „Agent“-Modell beispielsweise, das der in Yale tätige Ökonom John Geanakoplos gemeinsam mit zwei Physikern, Doyne Farmer und Stephan Thurner, entwickelte, untersucht, wie sehr das allgemeine Kreditvolumen die Stabilität eines Marktes beeinflussen kann. Selbstverständlich können Kredite eine gute Sache sein, da sie alle Arten kreativer wirtschaftlicher Aktivität unterstützen, vom Hausbau bis hin zu Unternehmensgründungen. Aber zu viel billiger Kredit kann gefährlich sein.

Dem Modell zufolge tun Marktteilnehmer, vor allem Hedgefonds, dasselbe, was sie im wirklichen Leben tun – sie streben nach Profit, indem sie sich immer höher verschulden. Sie borgen sich Geld aus, um ihre Investitionen und damit den möglichen Gewinn zu vergrößern. Der daraus resultierende hohe Verschuldungsgrad bringt die Marktteilnehmer tendenziell in Ketten enger finanzieller Abhängigkeit, und die Simulationen zeigen, wie dieser Effekt den Markt zur Instabilität treiben kann: einfach, weil er es wahrscheinlicher macht, dass Probleme an einem Ort auf andere übergreifen.

Das ist natürlich nicht wirklich überraschend. Aber das Modell zeigt auch weniger Offensichtliches: Die Instabilität wächst nicht allmählich, sondern kommt schlagartig. Ist eine gewisse Grenze überschritten, verliert der virtuelle Markt abrupt seine Stabilität in Form einer „Phasenumwandlung“, vergleichbar der Art, wie Eis schlagartig zu Wasser schmilzt. Jenseits dieses Punktes wird die kollektive finanzielle Schmelze unausweichlich. Und das ist genau jene Möglichkeit, die das Gleichgewichtsdenken nicht einmal in Erwägung zu ziehen vermag.

Gewiss, diese Arbeit bleibt spekulativ. Aber sie soll auch gar nicht bis ins Detail realistisch sein, sondern nur in einer einfachen Versuchsaufstellung die Dinge illustrieren, die reale Märkte schädigen können. Sie legt nahe, dass die Geschichten, die wir nach jeder Krise erzählen, darüber wie alles begann, wie es sich ausbreitete und wer die Schuldigen sind, uns blind für die tieferen Gründe machen könnten.


Blind auf den Abgrund zu

Natürlich können Finanzkrisen aus dem Aufbau des Marktes selbst erwachsen, weil nun einmal der Wettbewerb zwischen Investmentunternehmen einen Wettlauf um immer höhere Kreditfinanzierungen zur Folge hat, der die Märkte auf einen Abgrund hintreibt, den wir selbst dann nicht erkennen können, wenn wir ihm schon ganz nahe sind. Das Modell bietet eine mögliche Erklärung dafür, warum wir alle paar Jahre eine andere Krisenerzählung haben, bei der sich nur die Namen und Einzelheiten ändern. Und warum es uns wahrscheinlich nicht gelingen wird, durch kleine Veränderungen bei den Spielregeln zukünftige Krisen zu vermeiden, sondern nur, indem wir den Verschuldungsgrad stärker regeln.

Ein anderes Beispiel ist ein Modell, das vom deutschen Ökonomen Frank Westerhoff erforscht wurde. Eine umstrittene Idee in der Wirtschaft ist, dass man mit sehr kleinen Steuern auf Währungstransaktionen die Sprunghaftigkeit des Marktes verringern könnte. Eine Steuer von 0,1 Prozent des Transaktionsvolumens beispielsweise sollte Schnellschussspekulationen abschrecken, gleichzeitig aber den Währungsaustausch, der direkter mit produktiven wirtschaftlichen Zwecken verbunden ist, erhalten.

Ökonomen haben jahrzehntelang über diese Idee gestritten, wobei die Debatte in der Regel sehr ideologiebeladen war. Professor Westerhoff und Kollegen dagegen haben „Agent“-Modelle verwendet, um realistische Märkte aufzubauen, denen sie verschiedene Steuern auferlegen, um zu sehen, was dann passiert. Bis dato haben sie Anhaltspunkte dafür gefunden, dass eine Transaktionssteuer Devisenmärkte stabilisieren könnte, aber auch dafür, dass das Resultat erstaunlich stark von scheinbar kleinen Details der Marktmechanismen beeinflusst wird – zum Beispiel, wie der Markt Bieter und Käufer zusammenbringt. Dieses Modell trägt dazu bei, solide Beweise in eine Debatte von extremer Wichtigkeit einzubringen.

Ein drittes Modell wurde von Charles Macal und Kollegen am Argonne National Laboratory in Illinois entwickelt und zielt darauf ab, eine realistische Simulation der interagierenden Einheiten am Elektrizitätsmarkt dieses Bundesstaates sowie des Stromnetzes bereitzustellen. Mit Hilfe der Simulationen konnten etliche Schlupflöcher in frühen Entwürfen der Strommarktderegulierung des Staates Illinois entdeckt werden, die von Unternehmen genützt hätten werden können, um die Preise zu manipulieren.

Bedauerlicherweise weigern sich die akademischen Ökonomen, unwillig, sich vom Gleichgewichtsansatz zu trennen, nach wie vor, den neuen computergestützten Ansatz aufzunehmen. Das erscheint vollends sonderbar, bedenkt man, dass jeder andere Wissenschaftszweig, von Physik bis zu Molekularbiologie, Computermodelle als Werkzeuge von unschätzbarem Wert angenommen hat, um Einblick in komplexe Systeme vieler interagierender Teile zu gewinnen. Auf einer Konferenz mit Ökonomen und Physikern über neue Zugänge in der Wirtschaftswissenschaft kritisierte, wie mir berichtet wurde, ein prominenter Ökonom, dass die Verwendung von Computermodellen „Schummeln“ sei, damit spähe man „hinter den Vorhang“. Respektable Wirtschaftsforschung habe über den Beweis unfehlbarer mathematischer Theoreme zu erfolgen.


Wenn Tradition den Fortschritt behindert

Dabei könnten wir mit Hilfe von Simulationen Beziehungen entdecken, die der bloße Verstand, selbst mit Hilfe der besten mathematischen Analyse, niemals erfassen könnte. Bessere Marktmodelle allein werden keine Krisen verhindern, aber sie können den Behörden bessere Wege zeigen, um Marktentwicklungen abzuschätzen, und, noch wichtiger, Techniken, um erste Anzeichen von Störungen zu entdecken. Wir dürfen nicht zulassen, dass ausgerechnet ökonomische Tradition wirtschaftlichen Fortschritt behindert.

© New York Times Syndicate

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2008)