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Heinrich Himmler: „Bleib immer anständig. Und gütig. Dein Papi.“

Der Anstaendige
(c) ORF
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Heinrich Himmler privat – als „heißgeliebter Papi“, „wilder Geliebter“ und Psychosomatiker mit Magenschmerzen: Der Film „Der Anständige“ basiert auf neu entdeckten Dokumenten. Sie dürfen hier für sich sprechen. Wehtun. Wirken.

Hier veröffentlichen wir erstmals Dokumente aus dem Privatbesitz des ,Reichsführers SS‘“, kündigte die deutsche Zeitung „Die Welt“ Anfang dieses Jahres an. Es waren vor allem unzählige, lang verschollene Briefe aus Himmlers Privatsafe, die Briefe an seine Frau Marga; dazu Fotos, Notizen – eine Sensation?

Allerdings. Trotzdem wurde heftig über diese Entdeckung gestritten. Standen in den Briefen, Tagebucheintragungen, Rezeptbüchern nicht einfach nur Belanglosigkeiten, die an der Sicht des Holocaust eh nichts änderten? Bedienten sie nicht einen Voyeurismus ohne Erkenntnisgewinn? Bestätigten Sätze à la „Ich fahre nach Auschwitz. Grüße und Küsse, Dein Heini“ nicht einfach nur die sattsam bekannte Banalität des Bösen? Was war eigentlich das „Neue“ daran?

Unter dem Bett eines Überlebenden

Neu für die Öffentlichkeit war jedenfalls die Existenz der Dokumente. Der Organisator der „Endlösung“ hatte zu Kriegsende versucht, den Inhalt des privaten Safes im Haus seiner Familie zu vernichten, US-Soldaten kamen ihm zuvor. Die Dokumente gelangten nach Israel in Privatbesitz, ein Holocaust-Überlebender soll sie mehrere Jahrzehnte unter seinem Bett gelagert haben.

Aus seinem Nachlass kaufte der israelische Unternehmer David Lapa die Dokumente 2006 und bereitete mit seiner Tochter Vanessa offenbar wohlüberlegt Veröffentlichung und Aufbereitung vor – unter anderem mit einem Film. Vanessa Lapas Dokumentation „Der Anständige“ wurde auf der Berlinale uraufgeführt, läuft am Freitag in österreichischen Kinos an und ist im November als TV-Uraufführung im ORF zu sehen. Viel Misstrauen ist dieser Produktion vorausgeeilt, sie sah nach Kommerzialisierung aus. Jetzt ist der Film da. Er widerlegt jedes Misstrauen.

Tobias Moretti spricht Himmler

Ja, das Einzelne für sich ist banal. Und die erste Viertelstunde lang frage ich mich, warum ich mich diesem schrecklichen Menschen aussetzen soll; den Tagebucheintragungen des kleinen „Heini“ über ein Passionsspiel mit „schöner Musik“; dem Geplapper des offenbar völlig fantasielosen, unoriginellen Kindes, das wie so viele Kinder Klavier und Kriegsspiele spielte („ich habe zehn Millionen – Mann, Anm.d.Red. – verloren, das Spiel ist interessant“). Seinem patriotischen Papageiengeschwätz, das sich von Zeitungsschlagzeilen nicht unterscheidet. Dem bekannten Bild des Volksschülers Heinrich mit dem verkniffenen Gesicht. Seiner eckigen, engen Schrift ... Hass auf ein Kind? Ja, offenbar ist das möglich. Aber wozu?

Aber je mehr sich die Banalitäten anhäufen, desto weniger banal wird alles: Die inbrünstige „Vaterlandsliebe“ des Jugendlichen (die deutsche Niederlage 1919 macht ihn „krank, in der Früh ohnmächtig“). Das wiederkehrende Magenweh (der Magen ist auch später das von psychosomatischen Beschwerden hauptbetroffene Organ). Himmlers Scham, als er einmal verschläft. Der Widerwille gegen sich, als er eine Wahl in seiner Studentenverbindung verliert. Der Hass auf seine „Willensschwäche“ (zu dessen Kurierung er sich einen Krieg wünscht). Die Sehnsucht nach den „sittenreinen“ alten Germanen; die „furchtbare Stimmung“ und der „Ekel“ über ein Buch von Oscar Wilde, das einen homosexuellen Menschen „idealisiert“.

 

Eineinhalb Stunden lang setzt „Der Anständige“ den Zuschauer und vor allem Zuhörer (es hätte auch eine Hör-Doku werden können) chronologisch diesen Lebenszeugnissen Heinrich Himmlers und seiner Familie aus, wobei längst nicht alles dem Neu-Fund entstammt; alles in allem eine Fülle privaten Materials, wie man es von anderen „hohen“ NS-Führern nicht kennt. Tobias Moretti spricht Himmler, Sophie Rois die Ehefrau Marga. Der Rundum-Kommentar, wie man ihn man von den auf „Spiegel-TV“ laufenden NS-Dokus gewohnt ist, fehlt völlig. Wo hört die Aufklärung auf, wo beginnt das Histotainment?, fragt man sich dort oft. Hier nicht. Vanessa Lapa fügt den Originaldokumenten gerade so viel hinzu, dass ein halbwegs informierter Zuschauer (von dem man ausgehen darf) das Gehörte einordnen kann.

„Ich kann nicht immer so brav bleiben“

Seine Frau Marga nennt Himmler in seinen Briefen „kleine Frau“, „Schlingel“, „Kindchen“. „Alles Schmutzige“ will er vom „paradiesischen“ Heim fernhalten. „Mein lieber Geliebter: Bist du brav und anständig?“, schreibt Marga. Er antwortet: „Ich kann nicht immer so brav und anständig bleiben wie du.“ Freilich, den Anspruch auf Anstand wird er nie preisgeben, wie man weiß: Deutsche verhalten sich gegenüber den „Menschentieren“ (Polen, Russen) so anständig, wie sie es immer gegenüber Tieren getan haben, erklärt er einmal. Beseitigung der „Schädlinge“ ist für ihn „furchtbare Pflicht“.

Das Einzelne ist banal, das Ganze nicht, es spricht direkt zu uns; weil eine Filmemacherin es sprechen und wirken lässt. Wenn sie es ergänzt, dann sinnvoll. Etwa mit Margas Aussagen im Verhör: „Warum haben Sie nie nach den Vernichtungslagern gefragt?“ „Ich wusste nichts davon.“ „Waren Sie nicht interessiert?“ „Ich weiß es nicht.“ Tochter Gudrun, das ahnungslose Püppi, himmelte den Vater an, er scheint ihr Ein und Alles gewesen zu sein. „Man muss im Leben immer anständig und tapfer sein. Und gütig. Dein Papi“, schrieb er ins Poesiealbum. Sie wandte sich nie von ihm ab, engagierte sich später jahrzehntelang für verurteilte NS-Täter.

Mit ihr, Marga – ja, „Heini“ muss der Zuschauer in Beziehung treten; vermutlich die einzig sinnvolle „Vergangenheitsbewältigung“. Völlig verlogen wirkt nur die wehmütige Klaviermusik am Ende: Sie klingt wie ein melancholischer Abschluss, wo Melancholie nichts verloren hat. Ein Abschluss auch nicht.

Im ORF: 14.11., 21.20 h, im Rahmen eines Themenabends.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2014)