Lesung im Wiener Ronacher: Der US-Erfolgsautor Paul Auster stellte sein neues Buch "Mann im Dunkel vor. Nur bei Politik wurde er springlebendig: "Die letzten acht Jahre haben wir in einer falschen Welt gelebt!"
Die Republikaner haben 2000 die Wahl gestohlen. Die letzten acht Jahre haben wir in einer falschen Welt gelebt. Al Gore würde jetzt seine zweite Amtsperiode beenden – und 9/11 hätte vielleicht nie stattgefunden.“ Nachdenklichkeit, Ruhe, Isolationismus strahlt der US-Erfolgsautor Paul Auster aus. Bei Politik aber wird er äußerst lebhaft, wie auch Mittwochabend bei seiner ersten Wiener Lesung im Ronacher. Veranstalter Buch&Wein, Rowohlt Verlag und Wiens Vereinigte Bühnen wirkten zusammen.
„Mann im Dunkel“ heißt Austers neues Buch: Der 72-jährige frühere Kritiker August Brill lebt mit Tochter und Enkelin. Alle drei sind Versehrte: Brill sitzt nach einem Autounfall im Rollstuhl, außerdem ist seine geliebte Frau gestorben; die Tochter ließ sich von ihrem Mann scheiden – und der Freund der Enkelin wurde im Irak enthauptet.
Schreib-Alltag, Dschungel-Kapitalismus
Das ist die eine Ebene, eine andere: Brill denkt sich eine Geschichte aus, in der ein Kindergeburtstagszauberer aus Queens namens Brick entführt wird – in eine andere Welt, in der ein brutaler Bürgerkrieg zwischen US-Republikanern und Demokraten tobt. Brick soll den Staatschef töten. Er weigert sich und stirbt bei einem Luftangriff...
Der Journalist und Musiker Fritz Ostermayer führte mit einer Auster-Hymne in den Abend ein. Dann lasen Florentin Groll und der Autor, hernach gab es ein Gespräch und das übliche Signieren. „Er ist so fesch, aber ich konnte ihn nicht richtig sehen“, klagte eine Dame nach der Lesung. Tja, Autoren sind oft leider nicht so imposant wie ihre Bücher oder die Fotos von ihnen. Dafür konnte man einiges aus dem Alltag eines Schriftstellers hören: Mit seiner Frau, der Autorin Siri Hustvedt, erzählt Auster, gehe er jede Passage seiner Texte durch, und er tue stets, was sie empfehle, Wörter ändern, kürzen, verlängern usw. Obwohl er seiner Tochter ein Buch gewidmet habe, habe sie es nie gelesen. Er sei stets traurig, wenn ein Werk fertig sei, er sich von seinen Figuren trennen müsse: „Außerdem bin ich dann arbeitslos.“ Baseballspiele, Film trösten ihn.
Die Finanzkrise? Fragt die Interviewerin Iliane Weiss („Brigitte“). „Ich bin kein Spezialist für Wirtschaft“, meint Auster: „Aber wir leben in einem Dschungel-Kapitalismus. Jeder macht, was er will. Das ist wie bei Monopoly. Dieses System wird zu wenig überwacht.“ Er hoffe, dass Obama die US-Wahl gewinnt, „er ist der bessere Kandidat“, so Auster. „Die Bush-Administration ist furchtbar.“ Es sei freilich ungewiss, ob die Amerikaner einen Schwarzen wählen. Gespendet habe er nichts für Obama, aber sich auf die Liste „Artists for Obama“ setzen lassen. „Ich weiß aber nicht, ob das hilft.“
KURZ-BIO & BÜCHER
■Paul Auster (61), geboren in New Jersey, wollte zunächst Rabbi werden. Er studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaft, unternahm ausgedehnte Europareisen, lebte u.a. in Paris. Bücher:„Die New-York-Trilogie“, „Die Erfindung der Einsamkeit“ , „Im Land der letzten Dinge“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2008)