Schnellauswahl

Tannhäuser, noch immer in der Heilanstalt

Christian Gerhaher ist als Wolfram in Claus Guths freudianischer Regie das unangefochtene und gefeierte Zentrum einer ungleichmäßigen Besetzung. Robert Dean Smith sang auf Sparflamme.

Diesem Mann ist nicht wohl in seiner Haut. Verlegen blickt er immer wieder zu Boden, windet sich, weicht aus, nestelt an seiner Brille herum. Zwar ist er ein Meister des Wortes: Mehrfach wird er von seinem „edlen Kreise“ vorgeschoben, wenn es gilt, den rechten Ton zu treffen, mit schönen, hehren Phrasen zu erfreuen und zu überzeugen. Aber seine wahren Gefühle zu offenbaren, nämlich die Liebe zu Elisabeth, das will ihm nicht gelingen.

Grandios, wie Christian Gerhaher den Wolfram von Eschenbach erneut mit wohldosierter Präzision in Stimme und Darstellung als scheuen Intellektuellen porträtiert: Mit seinem klaren, modulationsfähigen und immer im Dienst der Textausdeutung eingesetzten Bariton bringt er es fertig, gerade die nobelsten Formulierungen des Dichters als Schutzschild zu entlarven. Dahinter verborgen ist freilich eine verwundete Seele, die sich nicht eingestehen will, jede Hoffnung auf Liebeserfüllung längst verloren zu haben.

In Claus Guths betont freudianisch inspirierter, im Wien der Jahrhundertwende angesiedelter „Tannhäuser“-Inszenierung zerbricht der Titelheld am unseligen Widerspruch zwischen der Frau als Hure und als Heiliger, der sein Denken bestimmt: Hat er die eine, will er die andere. Im Venusberg des ersten Aufzugs wird das durch allerlei theaterartige Selbstbespiegelungen und Verdoppelungen gezeigt; im dritten Akt liegt Tannhäuser in einer Heilanstalt im Koma, aufopferungsvoll von Elisabeth gepflegt, die für Wolfram nach wie vor unerreichbar ist. Als sie in ihrer Verzweiflung Tabletten nimmt, fragt er: „Dürft' ich dich nicht geleiten?“ – und Gerhaher singt traumverloren und fein ziseliert das Lied an den Abendstern, mit dem Revolver in Händen und dem eigenen Freitod nahe: der herzzerreißende Höhepunkt eines ungleichmäßig besetzten, aber allein durch diese Szene schon lohnenden Abends.

 

Peter Schneider: Ehrwürdige Tempi

Die Lücken, die Franz Welser-Mösts Abgang im laufenden Spielplan hinterlassen hat, sind schon weitgehend geschlossen. Dieser Tage wurde Mikko Franck als Dirigent der „Elektra“-Premiere bekannt gegeben; er hatte schon im April den neuen „Lohengrin“ übernommen, nachdem Bertrand de Billy wegen eines strittigen Strichs ausgestiegen war.

Doch sind auch andere Umbesetzungen am Staatsopernpult nötig: Chung Myung-whun sollte die aktuelle „Tannhäuser“-Serie leiten, kommt aber stattdessen im Dezember für „Traviata“ und den neuen „Rigoletto“. Deshalb durfte nun Peter Schneider mit kapellmeisterlicher Ökonomie und in ehrwürdigen Tempi nicht bloß für Ordnung, sondern auch für weitgehend differenzierte Klangentfaltung bei Orchester und Chor sorgen.

Ökonomie war freilich auch die Maxime für den ersten Wiener Tannhäuser von Robert Dean Smith. Darstellerisch bekanntermaßen eher phlegmatisch, teilte sich der sonst zuverlässige Amerikaner auch seine vokalen Kräfte genau ein. Schade, dass somit nichts wirklich vital und wie aus dem Vollen geschöpft klang – zumal er am Ende des Sängerkriegs ohnehin in deutliche Bedrängnis geriet, sich aber wieder fangen konnte. Dass allerdings Iréne Theorin, die im Jänner als Isolde zurückkehrt, auch die Venus noch im Repertoire hat, konnte sie mit ihrem wenig einschmeichelnden Gesang nicht rechtfertigen – da schnitt Camilla Nylund mit ihrer auch stimmlich leicht unterkühlt anmutenden, aber von standfester Grandezza geprägten Elisabeth deutlich besser ab. Kwangchul Youn als etwas schmalbrüstiger Hermann und Norbert Ernst als prägnanter Walther ragten aus der Schar entrüsteter Recken der Doppelmoral hervor, Annika Gerhards pries hübsch den „lieben Mai“: Wenn er nur bald käme...

Weitere Termine: 26. und 30.10., 2.11.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2014)