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ÖIAG-Debakel: Die Macht ist ein Vogerl

PK INDUSTRIELLENVEREINIGUNG: GEORG KAPSCH
IV-Chef Georg KapschAPA/HERBERT PFARRHOFER

Das ÖIAG-Debakel trifft die Industriellenvereinigung ins Mark: Die seinerzeitige Bestellung von ÖIAG-Chef Rudolf Kemler hat in der Interessenvertretung einen Riss verursacht. Jetzt wird sie bei der Staatsholding auch noch entmachtet.

Das war's dann für Rudolf Kemler. Der ÖIAG-Chef wurde am Donnerstagabend demontiert: Sein Vertrag, der bis Oktober 2015 läuft, wird keinesfalls verlängert. Möglicherweise muss Kemler sogar schon vorher gehen.
Nicht, dass das überraschend gekommen wäre: ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner und Finanzminister Hans Jörg Schelling haben sich in den vergangenen Tagen, nach dem Debakel rund um die Ablöse von OMV-Chef Gerhard Roiss, wiederholt höchst kritisch über Kemler geäußert. Da musste man kein großer Prophet sein, um zu wissen: Kemlers Reise ins Nirwana war bereits gebucht.
Sehr wohl überraschend waren hingegen andere Wortmeldungen der vergangenen Tage. Zum Beispiel jene von Georg Kapsch, seines Zeichens Präsident der Industriellenvereinigung. In einem Zeitungsinterview am Mittwoch legte er nämlich Wert auf die Feststellung, dass seine Interessenvertretung bei der seinerzeitigen Bestellung Kemlers zum ÖIAG-Chef keinesfalls mitgemischt habe.
Das ist seltsam: Der Präsident der Industriellenvereinigung geht eindeutig auf Distanz zum Noch-ÖIAG-Chef. Jener Georg Kapsch, der seinerzeit, am Abend von Kemlers Bestellung, noch heftig gefeiert hat. Beim Sommerfest seines Bruders, zu dem Kemler selbstredend eingeladen war.
Das kennen wir: Nachher will's keiner gewesen sein. Doch die demonstrative Distanzierung des Georg Kapsch hat wohl andere Gründe: Das Debakel in der ÖIAG hat die mächtige Interessenvertretung österreichischer Industrieller in ihren Grundfesten erschüttert. Was Kapsch also mit seiner Distanzierung offenbar zum Ausdruck bringen wollte: Kemler ist zwar durchaus von Industriellen in den ÖIAG-Chefsessel gehoben worden. Die Industriellenvereinigung selbst habe damit aber herzlich wenig zu tun gehabt.
Das macht hellhörig. Immerhin ist der ÖIAG in den vergangenen Jahren nachgesagt worden, von der Industriellenvereinigung quasi gesteuert zu werden. Was ist da bloß passiert?
Gehen wir es chronologisch an: Die Industriellenvereinigung hatte schon seit jeher immenses Interesse daran, in der ÖIAG möglichst viel Einfluss auszuüben. Aus machtpolitischen Gründen, sagen die einen. „Weil es uns immer nur um die Sache gegangen ist“, betont hingegen Jochen Pildner-Steinburg. Der ist Präsident der steirischen Industriellenvereinigung – und einer der wenigen Granden der Interessenvertretung, die sich kein Blatt vor den Mund nehmen.
Pildner-Steinburg erzählt also von Präsidiumsitzungen in der IV, in denen über die ÖIAG geredet wurde. „Es ging darum“, erzählt er, „den Einfluss der Politik in der ÖIAG zu verhindern.“ Immerhin verwaltet die Staatsholding Beteiligungen so wichtiger Unternehmen wie OMV, Telekom Austria und Post.

Gegen das Ansinnen der IV ist natürlich absolut nichts einzuwenden. Im Jahr 2000, die schwarz-blaue Regierung ist gerade inthronisiert worden, wurde also das ÖIAG-Gesetz novelliert. Finanzminister Karl-Heinz Grasser verfügte, dass sich der ÖIAG-Aufsichtsrat fortan „selbst erneuern“ sollte. Heißt: Immer, wenn in dem Kontrollgremium ein Platz frei wird, kann der Aufsichtsrat selbst einen Kandidaten dafür bestimmen. Und nicht die ÖIAG-Eigentümerin, nämlich die Republik Österreich.
Das klang gut und hat zunächst auch funktioniert. Doch dann ist die Sache allen entglitten. Der Politik sowieso. Aber auch der Industriellenvereinigung.
Was bei dem ganzen Modell nämlich unterschätzt wurde, waren die überaus starken Bande, die Männerfreundschaften haben können. Zunächst war der Papierindustrielle Alfred Heinzel Aufsichtsratspräsident der ÖIAG. Nach sechs Jahren folgte ihm sein Jagdfreund Peter Mitterbauer. Groß war die Freude damals in der Industriellenvereinigung: Mitterbauer ist vorher Präsident der Interessenvertretung gewesen. Mit seinem Wechsel in die ÖIAG schien ihr Einfluss auf die Staatsholding gesichert.
Es kam anders. Dem Duo Heinzel/Mitterbauer ist es jedenfalls zu verdanken, dass sich der ÖIAG-Aufsichtsrat über die Jahre zu einem Gutteil aus (befreundeten) Vertretern der Kfz-Industrie (wie Mitterbauer) und der Papierbranche (wie Heinzel) zusammengesetzt hat.
Vor allem unter Mitterbauer, der letztlich acht Jahre am Schalthebel der Macht saß, hat die Sache dann endgültig eine gewisse Eigendynamik bekommen. Und zwar so sehr, dass selbst die Industriellenvereinigung nur mehr achselzuckend zusehen konnte. Im ÖIAG-Aufsichtsrat sitzen mittlerweile vornehmlich Mitterbauers Vertraute.
Wohl hat es die Interessenvertretung im Sommer 2011 noch geschafft, ihren Generalsekretär Markus Beyrer in den ÖIAG-Chefsessel zu hieven. Als der aber aufgrund chronischer Erfolglosigkeit nach nur einem Jahr ging, war Schluss mit lustig.
Mitterbauer nahm die Suche nach einem Beyrer-Nachfolger selbst in die Hand. Er hatte Großes vor und klopfte bei Ex-Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber an, bei Siemens-Managerin Brigitte Ederer, bei Evotec-Chef Werner Lanthaler. Sie alle sagten ab. Motto: „Wieso soll ich mir das antun?“
Man kann es ihnen nicht verdenken: Ein zukunftsträchtiges Konzept für die österreichischen Staatsbeteiligungen gab es nach wie vor nicht. Für eine Holding mit höchst diffuser Zukunft und bloß drei Beteiligungen wollte sich keiner hergeben.
Der frühere steirische ÖVP-Wirtschaftslandesrat Herbert Paierl hingegen hätte schon gern wollen. Viele meinten damals auch, Paierl hätte das Zeug zu visionärem Input gehabt. Er hatte auch die Unterstützung von ÖVP-Chef Michael Spindelegger. Doch Mitterbauer war strikt dagegen: ein Expolitiker? Geht gar nicht.
Quasi übrig geblieben ist Rudolf Kemler. Ein Manager, der die Österreich-Tochter von Hewlett-Packard leitete. Ein Mann, der keinerlei Erfahrung mit der Führung eines börsenotierten Konzerns hatte. Ausgerechnet er sollte als ÖIAG-Chef die Aufsichtsräte der Flaggschiffe OMV, Telekom und Post präsidieren.
Insider erzählen, dass es mit seiner Bestellung zu einem Riss in der Industriellenvereinigung gekommen ist. Die meisten waren entsetzt. Einige wenige hielten Peter Mitterbauer die Treue.

Kemler machte sich jedenfalls Ende 2012 munter ans Werk. Bekam allerdings im ersten Jahr seiner Tätigkeit keinen Termin bei Spindelegger. Der war wohl immer noch beleidigt, weil „sein“ Kandidat nicht das Rennen gemacht hatte. Aber sein Verhalten spricht Bände: In der Politik interessiert sich niemand ernsthaft für Beteiligungsmanagement. Warum auch? In den Boulevardmedien gibt's dafür keine Schlagzeilen.
In den vergangenen Jahren hat die Regierung immer wieder eine ÖIAG-Reform versprochen. Es kam keine. Jetzt hat sie immerhin eine Arbeitsgruppe dafür installiert, den sich selbst erneuernden Aufsichtsrat wird es künftig nicht mehr geben. Die Industriellenvereinigung ist damit raus aus dem Spiel. Was dort mit großem Bedauern gesehen wird. Der Unmut über Peter Mitterbauer ist enorm: „Er hat dem Land keinen guten Dienst erwiesen“, heißt es immer wieder. Denn jetzt hat die Regierung strategisch wieder das Ruder übernommen.
Abwarten. Gut möglich, dass die ÖIAG wieder zu einer reinen Personality-Show mutiert. Wenn's aber mit der Reform doch etwas wird, dann hätte das Debakel rund um Rudolf Kemler immerhin etwas Positives gehabt.