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Bürohaus mit Ablaufdatum

Hausgeschichte. Dem leer stehenden Gebäude aus den 1970er-Jahren in der Marxergasse 24, dem ehemaligen Bundesrechenzentrum, wird wieder Leben eingehaucht.

Die großflächigen Fenster in der Erdgeschoßzone ziehen die Blicke der Passanten auf sich und locken ins Gebäudeinnere. Fahrräder schmücken den Eingangsbereich, das Gedicht „Was es ist“ von Erich Fried wurde mit einem Filzstift auf eine weiße Wand im Stiegenhaus gekritzelt, leise Musik kommt aus den Boxen. Das noch vor wenigen Monaten leer stehende ehemalige Bürogebäude des Bundesrechenzentrums (BRZ) in der Marxergasse 24 im dritten Wiener Gemeindebezirk wird bis Ende 2015 vom Verein Paradocks belebt: Junge Künstler, ein Computerspieleentwickler, ein Online-Übersetzungsdienst haben vor Kurzem die alten Räume bezogen und nutzen die leer geräumten Büros als kreative Stätte auf Zeit. Was nach diesem Jahr mit dem achtstöckigen Haus passiert, bleibt ungewiss. Ob es verkauft oder saniert wird, neue Büros geschaffen oder ob darin Wohnungen entstehen werden – der jetzige Eigentümer, Conwert Immobilien, gibt sich diesbezüglich noch bedeckt. Bis es so weit ist, verbringen hier 50 Jungunternehmer verteilt auf rund 2200 Quadratmeter ihren Arbeitstag.


Charme vergangener Tage

Die ursprünglich Funktion des Gebäudes ist noch erkennbar: Bürofluchten, wohin man schaut, blau-graue Teppichböden in den Zimmern, das schwach beleuchtete Stiegenhaus mit Steinfliesen. Die Räume in einer zweckmäßigen Größe angeordnet – jeweils zwischen 30 und 60 Quadratmeter groß. Verdeckte Steckdosenleisten in Tischhöhe und alte Serverschränke, die von der IT-Abteilung des BRZ zurückgelassen wurden, lassen auf viel Datenverarbeitung schließen.

Errichtet wurde der Bau 1977, Conwert erwarb das Haus im Jahr 2005. Sieben Jahre später (2012) übersiedelte das Bundesrechenzentrum an einen anderen Standort. Für den Immobilienentwickler ist es nicht das erste Zwischennutzungsprojekt in einer leer stehenden Immobilie. Doch mit dem fast vierzig Jahre alten Objekt im Dritten möchte Conwert etwas zur Belebung des Grätzels beitragen. „Die Gebäudesubstanz verkommt nicht und erfährt durch die Nutzung eine Aufwertung“, sagt Clemens Billek, Head of Investor Relations bei Conwert.

Vis-à-vis der wieder neu aufgebauten Sofiensäle gelegen, verfügt es über sämtliche Annehmlichkeiten eines Bürokomplexes: gute Infrastruktur – der Bahnhof Wien Mitte ist nur wenige Gehminuten entfernt, ein moderner Lift, Teeküchen in jedem Stockwerk sowie Computer- und Internetzugänge. Das Gebäude mit begrüntem Innenhof, in dem ein Zitronenbaum sein Dasein fristet, erweist sich mit seiner zweckmäßigen und nüchternen Ausstattung als sogenanntes Packhaus – der Name kommt aus dem Niederländischen und bedeutet Speicher. So bezeichnen die Initiatoren von Paradocks rund um die Humangeografin Margot Deerenberg das Haus in der Marxergasse. Nicht Waren im herkömmlichen Sinn, sondern Ideen sollen hier gesammelt und umgesetzt werden. „Da das Gebäude wenig Charme hat, kommen Kreative voll auf ihre Kosten“, erzählt die aus Amsterdam stammende Deerberg über den gestalterischen Einfluss der Nutzer – wobei jeder die Räumlichkeiten nach eigenen Vorstellungen eingerichtet hat. Die einen haben die staubigen Teppiche herausgerissen, den darunterliegenden Beton abgeschliffen, um so einen Werkstattcharakter in die vier Wände zu bringen. Andere wiederum verwenden alte Bierkisten als Gestelle für furnierte Tischplatten und schaffen eine etwas rustikale Atmosphäre.


Vintage im 1970er-Jahre-Bau

Wer bei der Arbeit nicht abgelenkt werden möchte, verzichtet aufs Umbauen und nimmt sich das, was bereits vorhanden ist – vor allem Büromobiliar aus den Siebzigerjahren, ganz nach Art des Hauses. Treffpunkte sind in jedem Stockwerk die kleinen Küchen. Sonst sind das Foyer, ein sparsam eingerichtetes Café sowie mehrere kleine Räume im Erdgeschoß als Allgemeingut konzipiert. Sessel, Tische, Sitzgruppen oder Lampen im Vintage-Stil und Dekoelemente wie die zwei am Boden stehenden Gips-Torsi wurden gebraucht über das Internet gekauft. Wer sich einmal umschauen möchte: Jeder ist im Packhaus willkommen.

INFO

Raum sucht Idee. Im September 2014 wurde das Packhaus mit dem ersten Preis des „City Hype“-Wettbewerbs der Kreativagentur Departure ausgezeichnet. In den meisten europäischen Städten ist die Idee der Zwischennutzung mittlerweile etabliert, in Wien fungiert der 2013 gegründete Verein Paradocks als Vorreiter. Die Kosten: In der Marxergasse 24 zahlen die Büronutzer zwischen 7,50 und zehn Euro Betriebskosten pro Quadratmeter und Monat. www.paradocks.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2014)