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Ein "Motel" für Zombies, Killer und allerlei Wahn

Schauspielhaus Graz
Schauspielhaus GrazMichaela Bruckberger
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Viktor Bodó inszeniert im Schauspielhaus Graz ein Frühwerk. Die Überarbeitung ist ihm toll gelungen.

In der Schlussphase gerät das fantasievolle, rasant gespielte Stück „Motel“ am Freitag im Schauspielhaus Graz außer Rand und Band. Autor Dexter Waughin, eine von Stefan Suske exzellent gespielte Bühnenfigur, tritt an die Rampe und erklärt dem Publikum die Raffinessen seines Textes. Da erhebt sich oben auf dem Rang lautstark Protest: Der von Thomas Frank verkörperte Rezeptionist behauptet, dass Dexter nur eine Figur in seinem, Güll Ebrudalssons, Manuskript sei. Zu allem Überfluss haben die beiden in Pointen präzis agierenden Schauspieler auch noch andere Rollen gespielt. Dieser Streit um die Autorenschaft aber ist der metalogische Höhepunkt eines von absurden Ideen sprühenden, in der Musik und der Bewegung ebenfalls stets variantenreichen Abends.

Kann man diese totale Entgrenzung noch überbieten? Ja. Auch die echten Autoren von „Motel“ durchbrechen jetzt die vierte Wand: Die Ungarn András Vinnai und Viktor Bodó, der zudem die österreichische Erstaufführung in Graz inszeniert hat, reklamieren den Text von der Galerie her für sich. Es könnte aber auch sein, dass Schauspieler diese Autoren zitieren. Nun melden sich zudem in Serie die übrigen Darsteller aus dem Zuschauerraum, zwei von ihnen animieren das Publikum zum Absingen der Hymne „Garussia!“. Sie lassen Frauen und Männer jeweils einen Chor bilden, der den Dichterstreit mit Protest oder beifälligem Gemurmel begleitet: „Garussia! Pack dein Schwert!“ Manifeste regnen herab. Jetzt wird es richtig laut. Kurz: Die 140 Minuten ohne Pause gespielte Aufführung lässt keine Fadesse aufkommen, viele Zuschauer beteiligen sich willig am finalen Spaß.


Ein kleiner Dreh. Worum aber geht es in diesem Frühwerk von Vinnai und Bodó, das bereits 2003 in Anlehnung an Harold Pinter geschrieben und in Budapest uraufgeführt worden war? Ihr Motel ist ein heruntergekommenes Etablissement. Hanna Penatzer hat ein Prachtexemplar des sozialistischen Realismus auf die Bühne gestellt. Das Personal befindet sich passiv im Widerstand, einige skurrile Gäste (Franz Xaver Zach als origineller Lastwagenfahrer, Evi Kehrstephan als geheimnisvolle Dame und Nóra Rainer-Micsinyei in komischen Rollen) huschen oder poltern durch das Foyer. In Unterwäsche sitzt der Rezeptionist in seiner Loge, löst Kreuzworträtsel, langweilt sich und schreibt. Aber der Direktor hatte eine belebende Idee. Er gesteht, ein Verkehrsschild, das in Richtung Hauptstadt zeigte, hin zu seinem Motel an der Landstraße gedreht zu haben.

Die Aktion ist erfolgreich. Abenteuerliche Gäste trudeln ein, darunter drei hinreißend gespielte Auftragskiller, die ständig Zimmer verwechseln und zur eigenen Verstümmelung neigen. Sie scheinen sich aus Quentin Tarantinos Kinofilm „Pulp Fiction“ hierher verirrt zu haben. Ein einander quälendes Paar (Pál Kárpáti, Kata Bach) bringt Zombiemotive ein, Dienstmädchen, Hausknechte, Kellner assistieren beim Thriller.

Man glaubt es kaum, dass nur 15 Schauspieler aus Graz und von der Szputnyik Shipping Company Budapest diese Fülle an Figuren verkörpern. Sie spielen nämlich, wenn sich die Bühne dreht, auch noch ein abenteuerliches Forscherteam, das Bewusstsein verändernde Manipulationen anstellt. Ihre Experimente sind schiefgegangen, nun fliehen sie wie verstörte Zauberlehrlinge, während der Wahnsinn um sich greift, babylonisches Sprechen einsetzt: Zum zuweilen verstümmelten Deutschen und Ungarischen kommen auch noch kyrillische Übertitel und Gestammel. Über Lautsprecher werden Stimmen eingespielt, zu denen Darsteller synchron ihre Lippen bewegen, auch Opernarien, Popsongs und Schlager werden auf diese Weise geboten, verstummen oft ruckartig.

Wirkungsvoll bedient sich die Regie zudem kurzer Videosequenzen. Die Drehbühne gerät inzwischen in Fahrt, Zimmer für Zimmer gibt es Abenteuerliches. Schließlich folgen Gemetzel, Gliedmaßen werden abgesägt, der wütende Hoteldirektor macht mit dem Langschwert einen Ritter in glänzender Rüstung um einen Kopf kürzer. Was sagt uns das? Die tiefere Bedeutung ist wohl: Theater darf ungeheurer Spaß sein. Das zeigt auch der Schluss. Die Kulissen heben sich, dahinter ist alles leer.


Lauter Illusionen. Die beiden Ensembles, die seit 2006 in Bodós Stücken kooperieren, sind gut aufeinander eingestellt, vor allem eben in der Komödie. Von den Budapestern kommt mehr Anarchie, Bewegung und unflätiges Geschrei, die Grazer pflegen etwas versöhnlicher das Image von Publikumslieblingen. Alle aber lassen sich bereitwillig von den Illusionen anstecken, die hier auch Halluzinationen sind. Das Timing stimmt von Anfang an, allenfalls kann man Wiederholungszwang kritisieren, der dann zu einer Übertreibung der Übertreibung führt. Alles in allem aber spielt Bodó in dieser frechen Inszenierung seine Stärken aus. Dieses Schauspiel ist lebhaft, angstfrei und von angenehmer Leichtigkeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2014)