Maja Haderlap: "Der Grenze mussten wir Tribut zollen"

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Die Dichterin Maja Haderlap ist gefragt: Das Burgtheater will sie, das Landestheater Niederösterreich widmet ihr am 29. 10. eine Personale. Der "Presse" erzählt sie von sagenhaften Königen, Sprachverlust und dem Leid der Dramaturgen.

Die Presse: Ihr Debütroman „Engel des Vergessens“ (2011) wurde ein Bestseller, Sie gewannen damit den Bachmann- und den Rauriser Literaturpreis. Drängt der Verlag Sie schon zum nächsten Roman?

Maja Haderlap: Ich lasse mich nicht unter Druck setzen. Aber das ist leicht gesagt. Der Druck ist auch ohne Nachdruck spürbar. Ich bewundere alle Kolleginnen und Kollegen, denen das Schreiben leichter von der Hand geht, die einfach produzieren können. Ich mache beim Arbeiten eine Transformation durch, es geschieht etwas, bei dem ich nicht immer weiß, was am Ende herauskommt. Dafür brauche ich Zeit. Inzwischen habe ich immerhin den Lyrikband „Langer Transit“ veröffentlicht. Der Verlag müsste zufrieden sein.

Wie lange braucht es bei Ihnen, bis so ein Band reift? Wie wurde er aufgebaut?

Ein schmaler Lyrikband kann so viel Kraft einfordern wie ein Prosaband. Ich habe lange an den Gedichten gearbeitet und viele verworfen. Die Kapitel habe ich erst am Ende erfunden, als es notwendig wurde, die Texte zu ordnen. Mit der Reihung der Gedichte wollte ich eine Spur legen und ging immer im Kreis. Deswegen kommen die älteren Gedichte, die parallel zum Roman entstanden sind, am Schluss.

Bei Ihnen treten gehäuft Könige auf, vor allem im kurzen Abschnitt „Karantanien“. Vermitteln Sie dabei Ehrfurcht, oder machen Sie sich über diese Männer lustig? Auf mich wirkt es wie ein Satyrspiel.

Das haben Sie schön gesagt! Ja, ich wollte ein slowenisches Satyrspiel auf die großen europäischen Geschichtsentwürfe schreiben. Die Expansion der Slowenen ging immer in die Sprache, sie unterwarfen sich kein fremdes Land. Das mythische Land der Slowenen wurde in Wirklichkeit immer kleiner, bis nur noch das heutige Territorium übrig blieb. Sogar den einzigen König, Matthias Corvinus, haben wir uns von den Ungarn geliehen. Sein sagenumwobener Königsthron befindet sich im Berg Petzen/Peca im kärntnerisch-slowenischen Gebiet. Die Slowenen haben sich im Spätmittelalter einen König gewünscht, der sie vor den Raubzügen und Überfällen der Türken hätte beschützen sollen. Weil es zu dieser Zeit offensichtlich wenige umsichtige Herrscher gab, erfanden sie einen wilden König, vom Hörensagen. Das finde ich bemerkenswert. Der Kralj Matjaž lebt in vielen slowenischen Volksliedern weiter. Er ist aber auch mit der Geschichte der Slowaken, Lausitzer Sorben und Kroaten verbunden. Das nenne ich zentraleuropäische Geschichtsverflechtung.

Es kommen Städte wie Venedig oder Grado vor, slowenische Orte, Berge, das Jauntal. Stehen Ihnen diese Landstriche nahe?

Für mich ist der Blick in Richtung Süden immer bestimmend gewesen. Ich bin sehr oft nach Süden gefahren – „obe“, wie es in Kärnten heißt – und habe jahrein, jahraus Pässe und Grenzübergänge passiert. Die Grenze ist in Kärnten und in seiner Nachbarschaft immer inszeniert worden, sie war gewissermaßen ein Naturereignis, und wir mussten ihr Tribut zollen, warten, uns anstellen und ausweisen, in seltenen Fällen auch die mitgeführten Taschen leeren. Für mich waren das auch sinnliche Reisen, weil mich das Licht diesseits und jenseits der Berge interessierte, und die unterschiedliche Vegetation.

Ihr Buch enthält Texte über den Verlust und das Wachsen einer Sprache, Naturbeschreibungen, Prosagedichte, romantische Ironie. Und sogar Dialoge der Liebe...

Gedichte sind für mich kleine Expeditionen und offen für vieles, auch für die Sprachproblematik. In der Prosa haftet diesem Thema oft etwas Deklaratives und Programmatisches an. In der Lyrik geht es jedoch um das Oszillieren, um die Schwingung.

Dieser Band ist der erste, den Sie gänzlich auf Deutsch schrieben. Haben Sie Angst vorm Vergessen Ihrer Muttersprache?

Den Übergang aus einer Schreibsprache in die andere erlebte ich als Verlust und als Erweiterung in einem. Das Slowenische ist ja noch da, wenn auch nicht sichtbar, es fließt unterirdisch durch manche Texte wie ein Karstfluss. Irgendwann könnte es wieder in slowenischen Gedichten zutage treten.

Wie kommen Sie mit dem Ruhm zurecht?

Der Literaturbetrieb hat mich auf Trab gehalten. Nach Erscheinen des Romans spürte ich in erster Linie eine kulturpolitische oder politische Verantwortung, erst langsam dämmerte mir, dass mich nunmehr viel mehr Leute kennen als vorher, dass ich als prominent gelte. Was den Umgang mit der Prominenz betrifft, bin ich sehr froh, lange im Theaterbetrieb gewesen zu sein. Denken Sie an die Schauspieler, die in der Garderobe ihre Hauptrollen ablegen müssen und nach dem Abschminken meistens blass und erschöpft dasitzen. Die hätten ein Problem, wenn sie ihre Rolle hinter den Kulissen weiterspielten.

Da haben es Dramaturgen leichter. Die stehen bei Verrissen im Hintergrund.

Das stimmt nicht! Es sind immer die Dramaturgen, die – natürlich backstage, wie es ihrem Berufsprofil entspricht – Prügel beziehen, wenn etwas nicht funktioniert. So ist jedenfalls meine Erfahrung. „Schuld abladen verboten!“ war unser Leitspruch. Ich habe in diesem Beruf auch gelitten.

Seit 2007 sind Sie weg vom Theater. Burgtheater-Direktorin Bergmann möchte Sie engagieren. Was hat sich bisher ergeben?

Sie möchte mich als Autorin und Kuratorin einbinden. Wir sind in der schönen Situation, uns das „Nachbarhaus“ ausdenken und aufbauen zu können. Darauf freue ich mich sehr. Ich denke gern in Verknüpfungen und über politische und sprachliche Grenzen hinweg. Dadurch bekommen scheinbar einzementierte Geschichten eine neue Dimension.

MAJA HADERLAP IN ST. PÖLTEN

Am 29. 10. um 19 Uhr im Landestheater Niederösterreich beim „Blätterwirbel“: eine Personale mit und über die 1961 in Eisenkappel/Železna Kapla geborene Dichterin. Ensemblemitglieder, Anne Bennent und Maja Haderlap selbst lesen aus ihrem Werk – Lyrik, Prosa und Essays. Der Salzburger Germanist Hans Höller spricht mit der Autorin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2014)

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