Libyen: Sand, so weit das Auge reicht

Universum 'Die versunkene Welt der Sahara'. ORF2, Dienstag, 23.04.2002, 20:15 Uhr.
Universum 'Die versunkene Welt der Sahara'. ORF2, Dienstag, 23.04.2002, 20:15 Uhr.(c) ORF (Michael Schlamberger)
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Mitten in der Sahara liegen salzige Seen, pickige Skipisten und fantastische Dünenfelder. Der prähistorische Mensch hat hier gern gelebt. Der Offroad-Fan entdeckt das erst.

Noch ein paar Minuten, und das zickzackige Akakus-Gebirge wird von der Dunkelheit verschluckt sein. Höchste Zeit, von unserer Panorama-Düne herunterzuklettern. Für Sandvipern sei es schon zu kalt, auf unsere Füße zu lauern, grinsen wir uns zu. Dann setzen wir uns auf den Hosenboden und kommen wie paniert am Hinterhof der Wüstenlodge an. Die Tür zum Restaurantzelt ist noch geschlossen. Was gibt's da herumzugeheimnissen? Dass es in der tiefsten Sahara karierte Tischwäsche, gnadenlose Neonbeleuchtung, ein Menü mit libyscher Suppe, Lamm mit Nudeln und Obst gibt? Und alkoholfreies deutsches Bier.

Unser Begleittrupp hat sich verzogen, von weit hinten weht Hiphop herüber. Nun der Guide raucht beim Feuer, Marlboro. Im Teezelt breiten Tuaregs ihre Ware auf, vermutlich chinesischer Import, sie kommen aus dem Niger und gehen meist unbehelligt über die Grenzen. Sie werden uns später ganz in Ruhe schauen lassen. Ohne indirekten Kaufzwang. Drängelei scheint nicht üblich in Libyen. Wie angenehm.

Die Nacht im Zelt ist vorbereitet, vorsichtshalber liegen zwei Federbetten übereinandergestapelt. Aus der Dusche kommt heißes Wasser, länger als zwei Minuten, wenn man es denn vor sich verantworten kann, in der Wüste die Brause so lange aufzudrehen. Bis halb elf brennt Flutlicht, die Taschenlampe liegt parat. Groß und fast romantisch ist das Zelt. Man hätte Lust, den sandigen Rucksack auszupacken, sich einzurichten.

Verflossenes Grün

Doch man bleibt in der Regel nur ein, zwei Nächte in diesem superentlegenen Winkel in der Provinz Fessan. Man kommt hierher, um sich im Akakus Nationalpark unzählige und oft sehr versteckt liegende Felsmalereien und Petroglyphen anzuschauen, die bis zu 12.000 Jahre alt sein sollen. Diese Bilder zeigen Nashörner, Elefanten, Pflanzen, Jäger und halb nackte Frauen mit langen Haaren – alles lebensfrohe Steinzeit-Zeugen. Damals war die Wüste noch grün und üppig. Man kann sich eine Savanne vorstellen.

Beim Herumfahren zwischen den bizarren Formationen des Akakus switcht die Wahrnehmung um auf Geologie: Man sieht Wasser und Wind sich durch das weiche Gestein fressen, Felstrümmer, Kegel und Wälle ausstanzen und abschleifen. Später zog sich das Wasser zurück, es blieb eine genial erodierte Cinemascope-Landschaft aus Fels, Sand, Schotter und Kies. Hier überleben gerade noch Tamarisken zum Lagerfeuermachen und gallige Wüstenmelonen. Vereinzelt spazieren Kamele herum.

Konvoi mit Begleitung

Wer in unserem Geländewagenkonvoi Polizist ist, können wir nur erahnen. Etwa die Herren im Trainingsanzug oder die jungen Männer in Jeans und Lederjacken, vielleicht auch die in traditioneller Kleidung. Sie müssen auf uns aufpassen, und sie erledigen den Papierkrieg, der Reisende automatisch alle paar Kilometer stoppt, sobald sie sich durch das dünnmaschige Verkehrsnetz bewegen. Polizeipräsenz und relativer Wohlstand für diese Breiten vermitteln in Libyen ein Gefühl etwas höherer Reisesicherheit als in anderen Ländern der arabischen Welt. Ohnehin sind Wüstenfahrten nur mit professionellen örtlichen Veranstaltern erlaubt. Man kommt hier auch kaum auf die Idee, individuell herumfahren zu wollen: Die Infrastruktur ist (noch) nicht so weit. Außerdem setzen Offroad-Trips in der Wüste extrem gute Fahrkenntnisse und sehr viel Routine voraus.

Besucher wie wir sind ein Quell der Erheiterung: In der Not chauffiert man uns hinter den einzigen Toilettenhügel in der Geröllwüste, sei's mehrere hundert Meter weit. Man serviert uns das Essen plus Servietten, baut uns sogar eine Heurigengarnitur im Schatten auf. Und doch verweigert einer der besonders weit Gereisten das geschnippelte, geschälte Gemüse, die gekochten Kichererbsen, den Dosenthunfisch. Ziemlich dünn, der Mann. Kann nicht am Abwaschwasser liegen.

Man lacht auch über unsere Versuche, auf den fantastischen Dünen im Erg Ubari Ski zu fahren. Dabei ist die Nähe von Sand zu Schnee so offensichtlich, man braucht das unpackbare Dünenfeld hinter Ubari gedanklich nur weiß zu färben. Nicht anders sieht es in den Hochtälern der Zentralalpen aus, eine Schlagobersorgie. Allein mit dem Unterschied, dass Sand pickt, Schnee nicht, und wir peinlich aussehen vor einer Kulisse wie dieser: Unvermutet liegen mitten zwischen hochhaushohen Sandgipfeln salzige, palmenumsäumte Seen. Es wirkt wie ein Wunder, wie können sich Wasserflächen in der lebensfeindlichsten aller Landschaften halten? Die Zahl der Mandara-Seen wird nur geschätzt: 15?

Rasante Fahrten

In den Tälern wird der Sand ganz hart, unzählige Geländewagen haben ihn zu einer harten Piste, ja zu einer Autobahn applaniert. Hier drücken die Fahrer auf die Tube, bis die Tacho-Nadel bei 130km/h hängen bleibt. Alles johlt. Nur manchmal, wenn der Fahrer dazwischen nach seinem Handy greift, wird es leiser auf der Rückbank. Oder wenn sich der Wagen auf eine Düne wuchtet, auf deren Hinterseite es hinuntergeht wie an der Hausbergkante. Aber mit einer eigenen Fahrtechnik packt man auch solche Etappen.

Rasante Offroad-Fahrten mit Touristen – es gibt nicht viel da draußen in der Wüste für junge starke Männer, deren Kultur schon lange nicht mehr in der Wüste verwurzelt ist. Die meisten Libyer wohnen am schmalen Küstenstreifen am Mittelmeer oder in kleinen, staubigen Städten am Rand der Wüste und kommen wegen des Tourismus hinaus in das Outback. Die alten Oasen-Dörfer hat Gadhafi weitgehend absiedeln lassen, die Bewohner der alten Lehmhäuser zogen in neue, gesichtslose Gebäude aus Beton, aber mit mehr Komfort. Auch die Beduinenzelt-Romantik und die nomadische Lebensweise, die man etwa in Marokko noch findet, ist in Libyen mittlerweile mehr inszeniert als gelebt. Das blendet der Besucher freilich aus, für ihn ist der Eindruck der Wüste einfach zu überwältigend: Vermutlich gibt es kein Stück Wüste, das mitteleuropäischen Traumvorstellungen näher kommt als jene in Libyen.

Die Orte auf dem Weg in die Wüste sehen oft gleich aus. Man vermisst das Dekorative, das Bunte aus anderen Maghreb-Ländern. Das ist der sozialistische, egalitäre Anteil an diesem islamischen Land: Alle(s) gleich. Fast. Doch es gibt Geld genug in dem Öl-Land, günstige Wohnungen für Libyer, spottbillige Tanks. Viel Ware ist importiert, denn rentiere es sich angeblich gar nicht, viel Landwirtschaft zu betreiben und vieles zu erzeugen, wo man doch Massen an Öl und Erdgas hat. Ein Blick auf den Frühstückstisch beweist es auch: Die Haltbarmilch, die Marmelade oder die Mayonnaise stammen aus der EU oder Nachbarländern. Nur das Brot ist von da.

IN DIE WÜSTE GEHEN

Veranstalter: Die Autorin war mit GEO Reisen unterwegs, www.geo.at, Tel.: 800/808 808

Weitere Veranstalter: Kneissl Touristik, www.kneissltouristik.at; ARR, www.arr.at

Reise-Infos: Auswärtiges Amt: www.bmeia.gv.at; Reisewarnungen beachten! Sie betreffen oft nur ein bestimmtes Gebiet (z.B. die Region nahe Sudan/Tschad)

Einreise: Einreisebestimmun- gen ändern sich oft und wirken willkürlich (arabische Übersetzung des Passes etc.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2008)


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