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Ein Gras, das mit Psychosen zu tun hat

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THEMENBILD/ARCHIVBILD: CANNABIS/ MARIHUANA/ JOINT(c) APA/DPA/DANIEL KARMANN (DANIEL KARMANN)

Marihuana wirkt weniger suchterzeugend als Alkohol, Nikotin oder Opiate. Doch es steht im Verdacht, die Entwicklung des Hirns zu beeinflussen. So dürfte es besonders für Jugendliche schädlich sein.

„It's good for the flu, it's good for asthma, it's good for tuberculosis“, sang Reggaestar Peter Tosh 1976 in „Legalize It“ über Marihuana: Solche Behauptungen kann man getrost als Mythen aburteilen. (Obwohl ein Inhaltsstoff, das Cannabidiol, auf seine entzündungshemmenden Eigenschaften untersucht wird.) Dass Marihuana – beziehungsweise der darin enthaltene Hauptwirkstoff Δ9-Tetrahydrocannabiol (THC) – als Arzneimittel, etwa gegen chronische Schmerzen und Übelkeit bei Chemotherapie, verwendet wird, ist dagegen unbestreitbar. Genauso wie die Tatsache, dass beim Rauchen von Marihuana oder Haschisch (aus Cannabispflanzen gepresstes Harz) mindestens so viele krebserregende Stoffe eingeatmet werden wie beim Tabakrauchen, durch das tiefere Inhalieren eher mehr.

Weitgehende Einigkeit besteht auch darüber, dass physische Abhängigkeit bei Marihuana – im Gegensatz zu Alkohol, Nikotin oder Opiaten – kaum auftritt. Psychische schon. Auch haben etliche Studien ergeben, dass Marihuanakonsum in dafür genetisch prädisponierten Personen den Ausbruch psychotischer Erkrankungen, insbesondere von Schizophrenie, beschleunigen oder gar auslösen kann. Allerdings ist es bei solchen Zusammenhängen oft schwer zu unterscheiden, was Grund und was Folge ist: Es ist realistisch, dass Menschen, die zur Psychose neigen, auch stärker zum Marihuanakonsum tendieren, womöglich als (ungeeignete) Selbsttherapie, vergleichbar dem Phänomen, dass Schizophrene oft besonders viel Tabak rauchen.

So könnte man auch die These mancher Forscher erklären, dass Marihuanakonsum Psychosen vorbeugen könnte. Ähnlich ist es mit der These, Marihuana sei eine Einstiegsdroge. Dass Menschen, die es konsumieren, auch andere, womöglich ärgere Drogen einnehmen, ließe sich auch dadurch erklären, dass sie von Haus aus anfälliger für alle Arten von Rauschmitteln sind.

 

Niedrigerer Intelligenzquotient

Großes Medienecho fand vor zwei Jahren eine Studie in Neuseeland: Forscher hatten rund tausend Menschen von Geburt an über vier Jahrzehnte hinweg verfolgt und auch über ihren Marihuanakonsum befragt. Ein Ergebnis: Personen, die vor dem 18.Geburtstag öfter als einmal pro Woche Marihuana geraucht hatten, hatten im Durchschnitt um acht Punkte niedrigere Intelligenzquotienten. Diese Arbeit – an der freilich kritisiert wurde, dass sozioökonomische Faktoren nicht berücksichtigt wurden – führte zu Schlagzeilen wie „Kiffen macht dumm“. Wenn es einen solchen Effekt gibt, könnte die durch THC geförderte Lethargie schuld sein. Noch bedenklicher ist, dass die Rezeptoren, an denen THC angreift, auch in der Entwicklung des Hirns eine Rolle spielen.

Für gewöhnlich greifen an diesen Rezeptoren chemisch ähnliche körpereigene Stoffe an, die man Endocannabinoide nennt. Welche Bedeutung diese Rezeptoren haben, ist noch nicht wirklich klar, sie spielen u.a. bei der Verarbeitung von Schmerzen und der Steuerung des Appetits eine Rolle. Wie alle Rauschmittel wirkt Marihuana jedenfalls auf das Belohnungssystem im Hirn, darum wird es ja konsumiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2014)