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Velázquez: Ein Maler für Maler, ein „Maler der Wahrheit“

(c) Museo del Prado/ Baztán Lacasa, José
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Im Kunsthistorischen Museum zeigt eine erste große Personale im deutschsprachigen Raum das Werk von Diego Velázquez, an dessen technische Brillanz viel später die Impressionisten angeknüpft haben.

Es gibt Maler, an denen sich der Kunstmarkt ob der frivolen Preissteigerungen erfreut. Und es gibt Maler für Maler. Das sind jene, deren Werke voller verborgener Schätze sind, die mit ihrer künstlerischen Technik bahnbrechend wirken, mit Komposition, Pinselführung, Lichtspielen. Als wichtigster Maler-Maler gilt Diego Velázquez. Bis heute erstaunen seine distanziert erscheinenden, oft kompromisslos ehrlichen Porträts und die brillante Technik, in der die Impressionisten im 19. Jahrhundert einen frühen Vorläufer gesehen haben. Jetzt zeigt das Kunsthistorische Museum in Wien eine erste große Personale im deutschsprachigen Raum.

Dies ist möglich, weil das KHM sechs Spitzenwerke besitzt, zu denen weitere sechs aus der Schule Velázquez' kommen. Denn durch ihre ausgeklügelte Heiratspolitik unterhielten die Habsburger im 17. Jahrhundert beste familiäre Beziehungen zum spanischen Königshaus, von 1632 bis 1659 sandte Philipp IV. immer wieder dynastische Porträts nach Österreich. Aber das KHM präsentiert mit dieser einmaligen Ausstellung jetzt nicht nur die Porträts, sondern betont die Vielseitigkeit dieses außergewöhnlichen Werks, zeigt die frühen Tavernenszenen und auch den wenig bekannten Maler von Mythen und Fabeln.

 

Keine Scheu vor „niederen“ Motiven

Diego Velázquez, im vollen Namen Diego Rodríguez de Silva y Velázquez, wurde 1599 in Sevilla geboren und verstarb 1660 in Madrid. Sevilla war damals ein kulturelles Zentrum Spaniens. Hier entstanden viele Malerwerkstätten, denn es galt, die Kirchen der Region, aber auch jene in Mexiko, Argentinien und Peru zu beliefern. Schon mit elf Jahren kam Velázquez in die Werkstatt eines bestens vernetzen Malers, erhielt eine breite Ausbildung im Einsatz von Proportionen und Perspektiven, 1618 heiratete er die Tochter seines Lehrers Francisco Pacheco. Traditionsgemäß arbeitete er anfangs im Auftrag der Kirche, malte aber auch Tavernen- und Küchenszenen – Alltagsmomente, die als unschickliche Bildmotive galten. Solche Werke waren aus den Niederlanden bekannt und galten in Sevilla als „lächerliche Bilder“. Velázquez reizte es, die „niederen“ Motive mit höchster malerischer Brillanz zu behandeln. Schon hier bestechen der großartig inszenierte Lichteinfall und die individuell angelegten Details.

Mit 24 Jahren wurde Velázquez als Hofmaler in den Dienst des spanischen Königs in Madrid genommen. Der Aufstand der Niederlande, Konflikte mit England und Frankreich hatten die Staatskassen gelehrt, Pest und Hungersnöte die Bevölkerung dezimiert, am Hof Philipps aber war davon nichts zu spüren. Nicht einmal die in Spanien herrschende Inquisition galt hier, denn diese verbat und beschlagnahmte Abbildungen nackter Frauen – wovon Velaszquez' weiblicher Rückenakt „Rokeby Venus“ (1648–51) ganz offensichtlich nicht betroffen war. Er ist der einzige erhaltene Akt des Meisters und jetzt in Wien zu sehen. Ursprünglich wollte Sylvia Ferino, Direktorin der Gemäldesammlung am KHM, dieses Werk mit Akten von Tizian (1477 oder 1490–1576) kombinieren, was aber scheiterte: Die „überbordende Kraft“ Tizians „erdrückte“ Velázquez' Akt. Jetzt hängen die Werke in Sichtachse beieinander, jeder kann sie vergleichen. Tatsächlich ist der Spanier mit diesem Bild bereits an einem anderen Punkt der Malereigeschichte angekommen. Ferino: „Velázquez spricht mit diesem Werk bereits eine andere Sprache und weist in die Moderne“ – im malerischen Stil und im Motiv. Denn die Venus verkörpert ein Schönheitsideal, das auf Schlankheit basiert – damals revolutionär und ein Zeichen dafür, dass er ein reales Modell und nicht Abgüsse antiker Venusstatuen oder sogar männliche Modelle zur Verfügung hatte. Aber wie war das möglich? Man geht davon aus, dass er in Italien seine Geliebte malte.

 

Nicht nur Dynasten, auch Hofnarren

Sein Hauptmotiv allerdings sind die dynastischen Porträts. Dafür war er am spanischen Hof angestellt, erhielt ein monatliches Gehalt und extra Vergütungen für jedes Bild, bald wurde ihm eine jährliche Rente bewilligt und als Preis für einen gewonnenen Wettbewerb eine mietfreie Wohnung im Palast plus kostenlose ärztliche Behandlungen zugestanden. 1629 erhielt er sogar einen zweijährigen bezahlten Urlaub, den er als Studienreise in Italien nutzte. Zurück in Madrid porträtierte er wieder die königliche Familie, fertigte Werke für zahlreiche Bauten an, stellte aber auch die Hofnarren und -zwerge in feinfühligen Bildern dar – auch davon ist ein zentrales Werk, „Der Hofnarr Juan de Calabazas“ (um 1638), im KHM zu sehen. Vom Papst bis zu Teppichwirkerinnen und Narren, immer behandelte er seine Motive in einer Kombination streng naturalistischer Darstellung mit geschickt gesetzten Glanzlichtern und wunderbaren, rein malerischen Partien. „Maler der Wahrheit“ steht auf dem Sockel des Velásquez-Denkmals in Sevilla – eine bis heute gültige Zuschreibung, die in den über 50 Bildern jetzt im KHM studiert werden kann.

Eigentlich hätten es noch zehn Werke sein sollen. Aber da ein Museum die Haftung der Versicherungssummen nicht allein übernehmen kann, gibt es dafür eine Staatshaftung, die eine Milliarde Euro umfasst. Heuer kommen mit Joan Miró, Henri de Toulouse-Lautrec, Alberto Giacometti und Claude Monet aber derartig viele Meister in Wien gleichzeitig zusammen, dass das Limit erreicht ist. Da wird es Zeit, dass der Staat mit dem Markt mitgeht und die Summe deutlich erhöht.

Ausstellung: bis 15.Februar. Zum Besuch der spanischen Königin Letizia: siehe Seite10.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2014)